Der Schnee, die Bäume, die Wolken, die verschiedenen Jahreszeiten, aber auch der Wein und das Kaffeehaus - all das (und noch viel mehr) sind immer wiederkehrende lyrische Motive, über deren Entwicklung durch die Epochen und Jahrhunderte man ganze Abhandlungen schreiben könnte.

Einer der besonders gern bedichteten poetischen Gesellen ist der Wind. Eine Anthologie mit Wind-Gedichten dürfte ziemlich opulent ausfallen und müsste natürlich Goethes "Erlkönig" enthalten: "Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? / Es ist der Vater mit seinem Kind" (vielleicht samt der wunderbaren Parodie Heinz Erhardts: "Wer reitet so spät durch Wind und Nacht? Es ist der Vater. Es ist gleich acht."). Aber auch des Nobelpreisträgers Bob Dylan Gassenhauer "Blowin’ in the Wind".

Einige Lyrikbände machen die Luftbewegung gar zu ihrem Leitmotiv. Offenbar mit gutem Grund: "Der Wind erweist sich als kongenialer Schirmherr der Poesie, beweglich, flüchtig und spielerisch, elementar und machtvoll", schreibt Daniela Strigl im Nachwort zu Dine Petriks "Traktate des Windes" (Bibliothek der Provinz, 2019), und schon der Untertitel zeigt, wofür der Wind hier vor allem steht: "Klage - Getöse - Flucht". Petriks Gedichte greifen weit aus, geografisch genauso wie zeitlich: Palmyra, Solon, die Sahara, Qumran werden ebenso besungen wie der Fußball, die Wiener U-Bahn und der Augarten - mal im hohen Ton, mal eher leise und dezent.

Das Gedicht ist für die 1942 im Burgenland geborene Petrik "eine art der beugungsform", ein "wortgefecht". Mitunter schießt sie dabei übers Ziel hinaus, wenn die Originalität eines Wortspiels ("maosoleum") oder einer Doppeldeutigkeit ("Aug-artenfiguren") allzu demonstrativ vorgeführt wird. Am besten ist sie dort, wo sie ihre sprudelnde lyrische Energie ein wenig drosselt. Etwa in dem Schlussgedicht "Chrysanthemen", einem November- und Totengedicht, das wundersam schillert zwischen "bleich" und "rubinrot": "du gingst ohne abschied / nahmst mit dir auch das / was mir nie gehört hat und /doch so rubinrot jetzt färbt / deine rosen am grab".

Zärtlich-intimer geht es bei Elisabeth Reichart zu. "Mein Geliebter, der Wind" (Otto Müller, 2019) heißt ihr neuer, zweiter Gedichtband, und dass diese vielfach ausgezeichnete oberösterreichische Erzählerin auch eine begnadete Lyrikerin ist, wissen wir erst seit ihrem späten lyrischen Debüt, das sie 2013, als Sechzigjährige, veröffentlichte. "Im freien Fall halte ich den Atem an / fangen die Worte mich auf / Im Wortgefieder / träume ich / in verklungenen Sprachen". Das lyrische Ich liebt den Wind, sieht sich als Lied, "gefangen im Wind", und verschmilzt am Ende, mit dem allerletzten Wort dieses betörenden Bandes, mit seinem Geliebten zum "Atemwind". In den verschiedensten Formen weht der Wind durch diesen Band: Er ist Inspirationsquelle, Heilender, ungestüme, zerstörerische Macht, vor allem aber: Sinnbild dessen, der die Luft zum Tönen bringt, und damit der Dichtung. Reicharts Gedichte haben etwas Elementares an sich, die Natur darin strahlt Geborgenheit und gleichzeitig Abgründigkeit aus, ist sinnlich und ungebärdig-rau zugleich.