Auch in seinem neusten Buch bleibt Josef Winkler Indien verbunden. - © ullstein bild/Sven Simon
Auch in seinem neusten Buch bleibt Josef Winkler Indien verbunden. - © ullstein bild/Sven Simon

Nichts Neues von Josef Winkler - aber gerade in der manischen Umkreisung, dem obsessiven Wiederholen und der ritualhaften Rigidität der Sprachformulierungen liegt ja der Reiz seiner Literatur. Ganz ohne ein gewisses Maß an Variation aber geht es doch nicht. Dies bot Winkler zuletzt mit seinem bestechenden Band "Laß dich heimgeigen, Vater" (2018). Darin ging es um ein Gemeindefeld in Winklers Heimatdorf Kamering, in dem man die Leiche des Holocaustverbrechers Odilo Globocnik verscharrt hatte, was Winkler erst viele Jahre später erfuhr.

Mit "Der Stadtschreiber von Kalkutta" kehrt Winkler nun nach Indien zurück, aus dem er erstmals in "Domra. Am Ufer des Ganges" (1996) so ausführlich wie faszinierend zu erzählen wusste. Im aktuellen Buch also steht Kalkutta im Mittelpunkt, das Winkler 2006 auf Einladung des Goethe Instituts besuchte. Auch hier zieht es den Kärntner an die hinduistischen Einäscherungsstätten, die sich am Nimtala-Ghat beim heiligen Fluss Hooghli befinden.

Scheiterhaufen

Dort werden auf hölzernen Scheiterhaufen die Leichen von alten Leuten wie Kindern eingeäschert: ein veritables Schauspiel vom Vergehen des irdischem Leibes im ewig brennenden Feuer, das die Kaste der Domra hütet. In eindringlichen, langen Satzbögen beschreibt Winkler, wie das Feuer sich den Scheiterhaufen hinauffrisst, um zunächst die Kleidung des Verstorbenen in Brand zu setzen. Dann kocht die immense Hitze die Feuchtigkeit aus den toten Körpern, die als gelbe Flüssigkeit am Holz herunterrinnt, während das Fleisch sich platzend von den Knochen schält und die Gliedmaßen sich zu bewegen beginnen, weil durch die Hitze die Muskeln angespannt werden. Öfters lösen sich Beine oder Arme vom Torso, rutschen am Rande des Scheiterhaufens herunter und werden von den Domra zurück in die Flammen geworfen.

All dies hat Winkler mittlerweile so oft beschrieben, dass es seinen Schrecken eigentlich schon verloren hat. Mehr in den Vordergrund treten in "Der Stadtschreiber von Kalkutta" die Erlebnisse Winklers am Rande der Verbrennungsstätten. So beobachtet er die im dreckigen Fluss badenden Kinder, beschreibt einen Mann, der sich mit dem verseuchten Wasser laut gurgelnd die Zähne putzt, und andere für hygienebewusste Europäer erschreckende Dinge.

Winkler verbleibt jedoch stets in seiner geradezu ethnografischen Beobachterposition: Er beschreibt und schildert, ohne zu werten. Das ist eine eminente Stärke. Exemplarisch dafür stehen die gerade einmal fünf Seiten, auf denen die tägliche Opferung dutzender junger Ziegen im Tempel der Göttin Kali in aller grausamen Genauigkeit vor Augen geführt wird. Eine Evokation einer Ästhetik des Schreckens, wie sie in der Gegenwartsliteratur nicht alle Tage zu finden ist.

Das wiederum führt zur zweiten Stärke dieses Buches: Winkler weiß, dass er in der totalen Fremde Indiens ein Unzugehöriger ist. Daher nimmt er nicht die Rolle des kosmopolitischen Reisenden ein, der sich in jeder noch so unvertrauten Kultur sicher bewegt, wie dies etwa Christoph Ransmayr oder Raoul Schrott in ihren Büchern gerne tun.

Reisenotizen

"Der Stadtschreiber von Kalkutta" ist ein schmaler Band, der all jenen, die süchtig sind nach mehr von jenem Gleichen, das Josef Winkler so verlässlich liefert, eine unvergessliche Lektüre bieten wird. Und wer nach mehr davon giert, der sei auf die faksimilierte Ausgabe der vier Notizbücher verwiesen, die Winkler in Kalkutta angefertigt hat. Sie sind seit 2011 in bibliophiler Ausstattung und lockerer Folge in der Waldviertler "Bibliothek der Provinz" herausgekommen, soeben ist der vierte Band erschienen. Mehr noch als in der Suhrkamp-Ausgabe wird das unmittelbare Faszinosum im Faksimile samt der vielen Fotos und Illustrationen sinnlich greifbar.