Gezwitschert wird viel in diesen Zeiten: Auch analoge Vögel haben Konjunktur, bei Klimaschützern wie bei der dichtenden Zunft. Gewiss, der dramatische Bestandsrückgang diverser Populationen liefert dafür einen triftigen Grund. Allein Nordamerika hat seit 1970 knapp 29 Prozent seiner Vögel verloren, wie das Magazin "spektrum" jüngst dokumentierte. Doch nicht nur als bedrohte Art, sondern auch als starkes Symbol der Religionen und Kulturen flattern die Gefiederten durch alle Genres der Literatur. Dabei sind sie uns Menschen stets ganz nah, wie eine kleine Auswahl von heuer erschienenen Titeln zeigt.

Jonathan Franzen etwa ist leidenschaftlicher Birdwatcher, engagierter Umweltschützer - und in diesen Belangen auch kritisch-lyrischer Nature Writer. Er reist quer durch die Kontinente, um ein Maximum an Vogelarten zu studieren und ihrer Dezimierung nachzuspüren. Unermüdlich legt er die Ursachen für ihr Verstummen dar - den Klimawandel, die industrielle Landwirtschaft und Hochseefischerei, die Jagd. Und er skizziert Gegenstrategien für den Einzelnen, die mit Blick aufs große Ganze (explodierende Weltbevölkerung, Preisdruck für Fischer und Landwirte) freilich anmuten wie das laute Singen im Wald. Gibt es einen Ausweg aus der "Klima-Klemme"? Franzens gleichlautender Essay im "New Yorker" (2015) schlug hohe Wellen. Unter dem Titel "Rette, was du liebst" ist er nun im Essayband "Das Ende vom Ende der Welt" (Rowohlt, Übersetzung: Bettina Abarbanell, Wieland Freund) nachzulesen. In dem Text stellt der EuroNatur-Preisträger u.a. auch Überlegungen zur "geistigen Verwandtschaft von Umweltschutz und neuenglischem Puritanismus" an: "Beide Glaubenssysteme sind von der Vorstellung geprägt, dass schon die bloße Tatsache, Mensch zu sein, Schuld bedeutet. (...) Und nun hat uns der Klimawandel eine Eschatologie beschert, damit wir für unsere Schuld bezahlen."

In weiteren Essays des Bandes zieht Franzen u.a. ironische Parallelen zwischen dem Verhalten von Vogel und Mensch: Beide Spezies zeigten eine Vorliebe für raffinierte Behausungen oder lange Winterferien an warmen Orten. Für den nachhaltigen Schutz der Wildvögel sieht er indes schwarz, zumal "Wert" im späten Anthropozän "fast ausschließlich ökonomisch definiert" werde. Ausführlich widmet er sich auch dem traurigen Los der Seevögel: Der an Langleinen verhakte Albatros lässt unweigerlich an den Schicksalsvogel in Coleridges Ballade "The Ancient Mariner" denken.