"Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues." Ein Autor, der einen Roman so stilsicher beginnt, versteht sein Handwerk. In wenigen Worten stimmt er seine Grundtonart an - ironische Desillusioniertheit - und zugleich macht er sich über den Sinnspruch "Es gibt nichts Neues unter der Sonne" lustig. Noch prägnanter als Elmar Tophovens Übersetzung ist das Original: "The sun shone, having no alternative, on the nothing new." Mit ihm beginnt "Murphy", Samuel Becketts erster gedruckter Roman, 1938 in London erschienen. Er schildert die Leiden des jungen Murphy, der liebesbedürftig und bindungsscheu durch London irrt, seine Einsamkeit mit hochtrabenden philosophischen Theoremen schönredet und schließlich einen Job als Pfleger in einer Irrenanstalt annimmt. Dort fühlt sich Murphy den Patienten verwandter als dem Personal. Als unhappy end des Ganzen nimmt er sich das Leben.

Während Beckett diesen tragikomischen Roman schrieb, unterzog er sich in London selbst einer psychoanalytischen Behandlung. Seine Störungen - Panikattacken, depressive Schlaflosigkeit, Herzrasen - ähnelten Murphys Beschwerden, doch sein Roman ist trotzdem keine Betroffenheitsprosa. Beckett, der die Verzweiflungen der menschlichen Seele aus Erfahrung kannte, war bestrebt, sein Werk von Privatempfindungen frei zu halten. Was für "Murphy" gilt, bestätigt sich in seinen späteren Romanen, Dramen, Essays und Gedichten: Wer sucht, findet darin zwar Motive aus Becketts Leben, zugleich ist aber nicht zu verkennen, dass die eigenste Leistung dieses Dichters darin besteht, dem Lebensstoff jede Unmittelbarkeit zu nehmen. "Realismus", in welcher künstlerischen Form auch immer, war nicht seine Sache.

Widerstandskämpfer

Samuel Barclay Beckett wurde am 13. April 1906 im Dubliner Vorort Foxrock geboren. Er stammte aus einer wohlhabenden protestantischen Familie, genoss eine solide gymnasiale Ausbildung, studierte Philologie in Dublin und erwog eine Laufbahn als Universitätslehrer. Wie sein Landsmann James Joyce, mit dem er in jungen Jahren gut bekannt war, verließ Beckett früh seine irische Heimat.

Er wohnte die längste Zeit seines Lebens in Paris, war mit der französischen Pianistin Suzanne Deschevaux-Dumesnil erst liiert, später verheiratet. Während des Zweiten Weltkriegs schloss sich das Paar der Résistance an. Ihre Widerstandsgruppe wurde verraten, Beckett und seine Lebensgefährtin entkamen nur knapp der Verhaftung durch die Gestapo. Auch von diesem kämpferischen Kapitel seiner Biographie hat Beckett keinen literarischen Gebrauch gemacht.