Es gibt Autoren, deren Werk man über Jahrzehnte hinweg mit großem Vergnügen verfolgt, um eines Tages festzustellen, dass man ihre Bücher kaum gewürdigt hat. Günter Eichbergers 60. Geburtstag heuer war so ein Anlass. Er hat seit 1988 achtzehn Bücher vorgelegt, zuletzt 2017 die großartige Auseinandersetzung mit Ich-Konstruktionen und Identitätsfragen "Hirn ohne Grenzen", eine Art Höhepunkt seiner poetischen Erkundung relationaler Unsicherheiten.

"Ich glaube nicht an Generationen, aber das mag Teil meiner Psychopathologie als Vereinzelter sein", schrieb Günter Eichberger 2010 in seinem Essayband mit dem wunderschön paradoxen Titel "Leere Abwesenheitsmitteilung". Doch irgendwie ist die Tatsache, dass dieser Autor, wie es im Jargon der Großkritik heißt, außerhalb der Steiermark nicht zur ersten Liga gehört, man also das jeweils neueste Buch nicht zwingend besprechen müsse, doch ein Generationenschicksal.

Geboren 1959, startete Eichberger sein Autorenleben im Schatten jener Autorinnen und Autoren, die in den 1970er Jahren gerade von Graz aus den heimischen Literaturbetrieb eroberten, um fortan die ersten Ränge bis hinauf zum Nobelpreis fix zu belegen, und Eichberger hat diese Karrieren mit literarischen Porträt-Hommagen immer wieder humorvoll, treffsicher und wertschätzend begleitet.

Freiwillig am Rand

Einer Kanonisierung nicht förderlich ist auch Eichbergers Genre-Vielfalt vom Drama bis zur Kolumne, seine Neigung zur kleinen Form wie zur sorgsamen Vermeidung "authentischer" Inhalte oder Plots sowie der Verzicht auf künstliches Bedeutsamkeitsgetue rund um seine Person. "Der "Kulturbetrieb ist die letzte Bastion der Monarchie. Der Intendant ist König. Der Künstler Bettelmann, der Projekte einreicht", schrieb Eichberger 2003 zum Kulturhauptstadtjahr Graz. In dieser Konstellation hat er sich stets eher für das Abseits entschieden.

"Ich bin eine Ein-Mann-Gruppe. Und steh’ wie ein Mann hinter mir." Das ist einer der Aphorismen, die in mehrseitigen Blöcken zwischen den sechs längeren Prosatexten seines neuen Buches "Stufen zur Vollkommenheit" eingeschoben sind. Der Satz klingt nach Selbstbeschwörung, denn die Grundmelodie lautet eher: "Ich bin alles in allem eine Enttäuschung für mich. Es kann immer weniger aus mir werden. Und auch das Gewordene wird weniger."

Doch larmoyant ist der Band ganz bestimmt nicht. Davor schützt den Autor wohl seine Selbstironie ("Niemand will ihn vernichten. Nicht einmal das."), die sich schon im Titel "Stufen zur Vollkommenheit" schelmisch kundtut. Dazu kommen seine Fabulierlust und seine Gabe, Gedanken, Beobachtungen oder Sprachbilder poetisch zu verdichten und mit seinem umfassenden literarischen Wissen zu verschränken. Das reicht von Popsongs bis zu Eichendorff - "Weck mich auf, sing ein Lied, denn es schläft im Ding" - oder dem "Hohelied".