Theodor Fontane, dargestellt in einem Gemälde von Carl Breitbach (1883). - © Archiv
Theodor Fontane, dargestellt in einem Gemälde von Carl Breitbach (1883). - © Archiv

Normalerweise gehöre zum Grafen als Ehefrau eine Gräfin. "Aber wenn es keine Gräfin sein kann, so kommt nach der Gräfin gleich die Schauspielerin", sagt Franziska Franz. Beim Adel komme es schließlich nur darauf an, "dass man eine Schleppe tragen und einen Handschuh mit einigem chic aus- und anziehen kann."

So spricht die Protagonistin im Roman "Graf Petöfy" von Theodor Fontane, der am 30. Dezember seinen 200. Geburtstag begangen hätte. Die junge Burgschauspielerin von der Ostsee begründet damit, warum sie den Heiratsantrag des ungarischen Grafen Adam Petöfy anzunehmen gedenkt, eines alt gewordenen, in Kunst und Theater vernarrten Junggesellen.

Gegen alle Standes-, Konfessions- und Altersgrenzen trägt er der Schauspielerin einen Ehepakt an, der das Leben der Kunst unterordnen soll: Um der Leere seines Daseins abzuhelfen, sucht er eine Partnerin, mit der er Kunst und Plausch genießen kann - und gewährt ihr im Gegenzug mit einer Carte blanche völlige Freiheit, habe er ob "seiner Jahre mit dem kleinen, pausbackigen Gott" doch ohnehin längst abgeschlossen.

Glücklose Ehe

Doch das heitere Lustspiel wendet sich bald zur Tragödie: Nach dem Umzug auf das abgelegene Anwesen des Grafen am Balaton fristet seine junge Frau ein bedrücktes Dasein, das sie in ein Verhältnis mit dessen jungen Neffen Egon treibt. Als der Graf davon erfährt, wählt er den Freitod, um dem jungen Glück nicht im Wege zu stehen. Doch dazu kommt es nicht: Von Reue geplagt, trennt sich die Gräfin von Egon und sucht Trost in der katholischen Kirche.

Mit den anteilnehmend geschilderten Episoden von Ehebruch, Selbstmord und der Konversion einer Protestantin zum Katholizismus zeugt "Graf Petöfy" wie viele Werke Fontanes von erstaunlich liberalen Anschauungen, die manche seiner Zeitgenossen überforderten - offenbar auch die Redakteure der "Neuen Preußischen Zeitung", die den Roman vor genau 125 Jahren in Fortsetzungen veröffentlichte und danach jahrelang nichts mehr von Fontane druckte. So vertraut Themen wie die verhängnisvolle Macht der Konvention oder die Beziehung alter Männer zu jungen Frauen aus Fontanes berühmteren Werken wie etwa "Effi Briest" sind - "Graf Petöfy" sticht unter seinen Romanen als der einzige hervor, der in Österreich-Ungarn spielt.

Dem weitgereisten preußischen Schriftsteller war Wien aus eigener Anschauung bekannt: Auf dem Rückweg von einer Italienreise hatte er die Stadt zwischen dem 3. und 6. September 1875 besucht, die seine "Erwartungen noch übertraf". Im "Hôtel Müller" an der Ecke von Graben und Kohlmarkt logierend, machte er Spaziergänge in den Prater, besuchte die Kapuzinergruft und sah zwei Vorführungen im alten Hofburgtheater am Michaelerplatz, wie er in seinem Tagebuch festhält.