Sympathie für Ungarn

Ungarn hat Fontane dagegen nie besucht, was den exotisierenden Ton erklären mag, mit dem er Land und Leute zeichnet. In der Figur Adam Petöfys, in dessen unentschlossenem, lebenserfahren-gütigem Charakter sich der Autor selbst porträtiert, lässt er indes Sympathie für die ungarischen Freiheitsbestrebungen erkennen, die er zeitlebens verfolgte.

Wiederholt sind sie Thema des Romans, etwa wenn der alte Diener des Grafen der neuen Hausherrin ein Gemälde der Schlacht von Világos 1849 erläutert, als die österreichische Zentralmacht mit Hilfe zaristischer Truppen den Ungarnaufstand niederschlägt. Wie Fontane selbst ist auch Petöfy ein ehemaliger "48er", der viele seiner liberalen Überzeugungen behält, sich nach der gescheiterten Revolution aber von der Politik abgewendet hat - sein Name spielt auf den 1849 jung verstorbenen ungarischen Revolutionsdichter Sándor Petöfi an.

Neben solchen zeitgeschichtlichen Bezügen knüpft Fontane im "Petöfy" auch an eine Episode aus der Klatschpresse an: Am 20. Mai 1880 heiratete die aus Königsberg stammende Burgschauspielerin Johanna Buska den mit 68 Jahren mehr als doppelt so alten ungarischen Grafen Nikolaus Casimir Török von Szendrö. Wie die "Presse" berichtete, drängten hunderte Schaulustige in die Wiener Votivkirche, um die geliebte Schauspielerin zu sehen, die sich zwei Tage zuvor unter großem Jubel von der Bühne verabschiedete.

Affäre im Kaiserhaus

Dass die Hochzeit so viel Aufsehen erregte, dürfte wohl nicht zuletzt daran gelegen sein, dass Buska eine Affäre mit Kronprinz Rudolf nachgesagt wurde. 1874 soll sie dem einzigen Sohn Franz Josephs im Alter von 16 Jahren die Unschuld genommen haben. Die Historikerin Brigitte Hamann vermutete in ihrer Biographie "Rudolf - Kronprinz und Rebell", dass dieser Tratsch stimmen könnte, fand sich nach Rudolfs Freitod in seinem Nachlass doch das wohlbehütete Aquarell einer Buska stark ähnelnden Frau.

Fontane kannte Buska aus ihrer Zeit am Berliner Theater und erfuhr von ihrer Hochzeit aus den dortigen Zeitungen. Ob er auch die Gerüchte ihres Verhältnisses zu Rudolf kannte, ist nicht sicher, scheint angesichts einiger Anspielungen im Roman aber nicht unwahrscheinlich. Solche Hintergründe dürften für die damaligen Leser Fontanes den besonderen Reiz der Lektüre ausgemacht haben: Darin fanden Zeitgenossen einen spitzen Kommentar zum Leben der Adeligen, Reichen und Schönen, der tief in den schmalen Spalt zwischen Schein und Sein, Theater und Leben der hohen Gesellschaft blicken ließ.