Für einen kurzen Augenblick wirkt es, als sei alles beim Alten bei der Schwedischen Akademie: Im Börsensaal der Institution in der Altstadt von Stockholm beantwortet Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk geduldig die Journalistenfragen. Unter Kronleuchtern spricht sie über ihre Werke, ihre Heimat und den Stolz, als 15. Frau und 110 Jahre nach Selma Lagerlöf mit dem Preis geehrt zu werden.

Tokarczuk ist eine ausgezeichnete, charmante Preisträgerin. Im Saal wird viel genickt, man kann fast von Feel-good-Stimmung sprechen. Und doch kommt alles anders für die Akademie - weil eben doch nicht alles beim Alten ist. Neu ist etwa, dass sich nach Tokarczuk gleich ein zweiter Preisträger den Reporterfragen stellt, schließlich musste die Akademie nicht nur den Preis für 2018 nachholen, sondern auch einen aktuellen für 2019 vergeben - und mit letzterer Wahl fangen die neuen Probleme der Akademie an.

Peter Handke, österreichischer Literaturnobelpreisträger des Jahres 2019, windet sich an diesem kalten Dezembertag, seinem 77. Geburtstag noch dazu, um wiederholte Fragen zu seiner umstrittenen Haltung zum Jugoslawien-Konflikt. Erst wirkt er ratlos, dann gereizt. Den leeren Fragen der Journalisten ziehe er gar das mit einer Kalligraphie von Fäkalien verzierte Klopapier vor, das ihm jemand anonym geschickt habe, sagt der Kärntner Schriftsteller letztlich - und die Schwedische Akademie ist um neuen Ärger reicher.

Dabei sollte alles so viel besser werden bei der altehrwürdigen Institution. Ins Jahr 2019 war man mit dem Versprechen gegangen, nach dem Skandal um Akademiemitglied Katarina Frostenson und ihren wegen Vergewaltigung verurteilten Ehemann Jean-Claude Arnault einen Erneuerungsprozess verfolgen zu wollen. "Die Entwicklungsarbeit geht weiter, und jetzt bin ich dafür verantwortlich, dass es so gut wie möglich wird", erklärte auch der neue Ständige Sekretär Mats Malm, bevor er zum 1. Juni seinen neuen Posten einnahm.

Zerstrittene Akademie

Und in der Tat ging es 2019 voran: Während andere Mitglieder zurückkehrten, verließ Frostenson die über sie zerstrittene Akademie, der sie seit 1992 angehörte. Auf der jährlichen Hauptversammlung der Institution kurz vor Weihnachten wurden vier und damit so viele neue Mitglieder zugleich wie seit 1786 nicht mehr aufgenommen, alle von ihnen Frauen. Eine davon, Asa Wikforss, nahm den Sitz der schillernden Sara Danius ein, die im Februar 2019 formal aus der Akademie austrat und im Oktober im Alter von nur 57 Jahren verstarb. Sechs der 18 Stühle der Mitglieder sind nun mit Frauen besetzt. Stuhl Nummer 5 ist seit dem Tod des langjährigen Mitglieds Göran Malmqvist im Oktober vakant.