Für die Oberösterreicherin Sabine Scholl, 1959 geboren, gab es nie eine Grenze zwischen Wissenschaft und Fiktion, zwischen pseudoneutraler Sachlichkeit und Erzählen. Das schreibt sie schon gleich zu Beginn ihrer ausgreifenden Essay- und Aufsatzsammlung "Erfundene Heimaten". Alle ihre seit 1990 erschienenen Bücher, jüngst "Das Gesetz des Dschungels", balancieren auf Genregrenzen, überschreiten sie, ignorieren sie.

Scholl ist auch eine Lesende, und immer wieder nahm sie Lehraufträge an Hochschulen wahr. So eröffnet eine undogmatische, zugängliche, dabei selbstreflexive Meditation über gute Literatur und was dies ist oder nicht ist, diesen Band. Ihr Fazit? "Lesen verändert Bewusstsein. Gute Literatur wirkt nach." Ein als Symptom wie als Anamnese überaus treffender Auftakt. Denn alle ihre Essays, teils Auftragsarbeiten, teils aus ihren vielen Lehrveranstaltungen und Dozenturen erwachsen, umkreisen den klug gewählten Titel.

Erfundene Heimaten, das ist Ausgangsmaterial wie Sprachstoff für Sabine Scholl. Und sie ist auch eine weltoffene Reisende, die in den letzten zwanzig Jahren häufig für längere Zeit im Ausland lebte und schrieb. So gibt es hier zudem Essays und Porträts über Portugal und Japan zu lesen, Vignetten aus Marokko und Chicago, Venedig und Berlin, ihrem Wohnsitz. Dass und wie Lektüre anregen, entzünden, klug begeistern kann, das zeigen ihre Texte über Djuna Barnes und Herman Melville, über Leo Perutz und den Polen Witold Gombrowicz, dessen Roman "Kosmos" sie eine aufregende und erhellende Analyse zuteilwerden lässt, über Elfriede Gerstl und Sylvia Plath.

Das Abwechslungsreiche ist der alles andere als schematische Zugang. Immer wieder variiert Scholl, ist hier geradezu assoziativ, dort eine empathische Leserin, hier eine Kritikerin auch ihrer selbst. "Der Zwiespalt", schreibt sie aufschlussreich an einer Stelle, "ist meine Ausgangsposition." Ihre eigene Position ist das "Zwischensein", zwischen Lesen, Schreiben, frei flottierender Imagination und einfühlsam penibler Kritik.