Dieser abrupte Zerfall der territorialen, politischen, kulturellen und sprachlichen Ordnungen ist für Perloff das kollektive Trauma, von dem auch die Werke der genannten Autoren beherrscht werden. Sie verkennt nicht die Unterschiede, etwa zwischen dem essayistisch-intellektuellen Musil und dem erzählerisch konventionellen Roth, oder zwischen dem expliziten Moralisten Kraus und dem monologischen Lyriker Celan. Sie missachtet auch nicht die kategoriale Differenz zwischen den Literaten und dem Philosophen Wittgenstein. Über alle Verschiedenheiten hinaus zeigt sie aber sehr überzeugend, dass die gemeinsame Grundlage aller betrachteten Werke die Ironie ist.

Damit ist nicht jene vordergründige Witzigkeit gemeint, die etwa Canetti oder Celan weitgehend fehlt. Stattdessen geht es um den radikalen Zweifel an allen Überzeugungen, und vor allem um die Weigerung, den Verlust alter Gewissheiten durch neue Glaubenssätze zu kompensieren. Diesen standhaften Relativismus hält Perloff für das wichtigste Kennzeichen der "Austromoderne", die sich genau dadurch vom weltanschaulich entschiedenen, kämpferischen Avantgardismus der Weimarer Republik unterscheidet.

Erstaunliche Details

Das Buch richtet sich primär an eine amerikanische Leserschaft. Aber es ist auch für Hiesige lesenswert, selbst wenn ihnen Joseph Roth noch geläufiger sein sollte als Philip.

Denn die größte Stärke der Analyse liegt darin, dass die Verfasserin ihre Erkenntnisse mithilfe anschaulich ausgewählter Textbeispiele konkretisiert. Sie behandelt zwar große sprachphilosophische, sozialpsychologische und historische Fragestellungen, bleibt dabei aber immer nahe an den Wortlauten der literarischen Texte. Man wird also nicht nur mit allgemeinen Thesen versorgt, sondern auch mit wissenswerten Detaileinsichten: über einen verlorenen Bindestrich in Roths "Radetzkymarsch", über Musils Gebrauch der Möglichkeitsform, über ein verstecktes englisches Zitat in einem Gedicht Celans - und sehr viel anderes mehr.