Annie Ernaux ist eine der wichtigsten Autorinnen Frankreichs. - © afp/Pierre-Franck Colombier
Annie Ernaux ist eine der wichtigsten Autorinnen Frankreichs. - © afp/Pierre-Franck Colombier

Endlich hat Annie Ernaux auch in Deutschland eine feste Verlagsheimat gefunden. Die 1940 geborene Autorin, die in Frankreich schon lange zu den ganz großen Schriftstellerinnen zählt und mit ihrer autobiografischen écriture factuelle enormen literarischen Einfluss ausübt, ist bei Suhrkamp heimisch geworden und hat zudem mit Sonja Finck eine ganz vorzügliche Übersetzerin gefunden.

Jetzt ist "Une femme", im Original 1987 und 1993 auf Deutsch erschienen, in neuer Übertragung wiederaufgelegt worden. Dieser Text, der explizit kein Roman sein will, beschreibt auf nicht einmal hundert Seiten Leben und Sterben von Ernaux’ Mutter. Begonnen wurde er knapp zwei Wochen nach ihrem Tod, und es gelingt Ernaux auf beeindruckende Weise, unmittelbare Betroffenheit und kühle Beschreibung miteinander in Einklang zu bringen, "die demente Frau, die sie geworden ist, mit der starken, strahlenden Frau, die sie gewesen ist, zu vereinen".

Autobiografie ist bei Ernaux immer gesellschaftlich grundiert, und so wird die Mutter oft weniger als Person denn als Geschöpf ihrer Herkunft aus einfachen Verhältnissen sichtbar. "Meine Mutter, die in ein beherrschtes Milieu hineingeboren worden war, das sie hinter sich lassen wollte, musste erst Geschichte werden, damit ich mich in der beherrschenden Welt der Wörter und Ideen, in die ich auf ihren Wunsch hin gewechselt bin, weniger allein und falsch fühle."

Hier klingt eines von Ernaux’ Grundthemen an: das im Grunde a-literarische, unintellektuelle Elternhaus, das es der Tochter trotzdem ermöglichte, in ein völlig anderes soziales Milieu zu wechseln. Die Bücher über die Mutter und den Vater (dem "Der Platz" gewidmet ist) sind dabei so etwas wie der Versuch, diese Herkunftswelt festzuhalten, ohne sie zu verklären oder zu verteufeln. Denn Annie Ernaux weiß: Mit dem Tod der Mutter hat sie "die letzte Brücke zu der Welt, aus der ich stamme, verloren". Was bleibt, ist dieses beeindruckende Buch.