In seinem neuen "kafkologischen" Werk interpretiert der Klagenfurter Richter, Rechts- und Literaturwissenschafter Janko Ferk den "Bericht für eine Akademie" und die eigentümliche Erzählung Franz Kafkas über die pfeifende Maus "Josefine". Vordergründig geht es in beiden Werken um zwei außerordentliche Tiere, die gleich Fabelwesen über menschliche Eigenschaften verfügen: Rotpeter verhält sich aus pragmatischen Gründen wie ein Homo sapiens (nur wenn ihm ein Affenmädchen zugeführt wird, verfällt er diesem "nach Affenart"), Josefine erweist sich als singend-pfeifender Popstar mit Allüren.

Die beiden vom todgeweihten Autor in Kierling zu Pfingsten 1924 noch eigenhändig redigierten Erzählungen gelten als Parabeln der jüdischen Assimilation. Janko Ferk fügt diesem Grundgedanken bemerkenswerte eigene Auslegungsvorschläge hinzu. Zudem befasst er sich mit den zwei Anordnungen, die Kafka an Max Brod gerichtet hat und in denen er um die Vernichtung aller unpublizierten Manuskripte bat - ein Auftrag, den sein Freund zu Recht nicht erfüllt hat.

Blick des Juristen

Selten zuvor hat sich ein Autor die Mühe gemacht, die nach bürgerlichem Recht als letztwillige Verfügungen anzusehenden Briefe unter die Lupe des Rechtsdogmatikers zu nehmen. Janko Ferk füllt dieses Defizit auf und erklärt dazu die einschlägigen erbrechtlichen Vorschriften des ABGB, welche Form und Inhalt eines Testaments betreffen. Kafkas letztwillige Verfügungen erweisen sich als überraschend unförmlich - wie auch seine "Amtlichen Schriften", in denen der Prager Beamte in sprachlicher Hinsicht erstaunlich unkonventionell auftritt, selbst in Krankmeldungen, die vor Hintergründigkeit und Emotionen sprühen. Nur in den tschechischen Versionen der Briefe ans "Amt" und "Bureau" wird Kafka im juristischen Sinne förmlich. In seinem nächtlichen "Kritzeln", bei dem seine großartigen Texte entstanden, wählte er zwar einen anderen Ton, aber wie zum Hohn ließ er das Juristische an den unpassendsten Stellen einsickern, was den eigentümlichen Reiz und Humorgehalt seiner Texte mitbestimmt - auch wenn sie Grauen erregende oder verstörende Szenen beschreiben.

Kommen wir noch einmal auf die illustre Maus "Josefine" zurück. Kafka liebte Franz Grillparzers Erzählung über den "armen Spielmann", der unweit des Wiener Augartens seine Geige in recht armseliger Weise spielt. Kafka lässt in dieser Tradition Josefine nur leise singen, ja hilflos pfeifen.

Vermutlich wählte er das Imperfekte der Mäuse-Kunst, die der Überlieferung nicht wert ist, um sein eigenes Werk sarkastisch zu kommentieren. Darüber hinaus trägt die Erzählung auch existenzialistische Züge. Kafka stellt Josefine als eine gescheiterte Sängerin hin, die durch den lächerlichen Gestus eines Stars vorgibt, etwas Besonderes zu sein, ohne etwas Herausragendes zu beherrschen oder darzubieten.

"Literarischer Urknall"

Franz Kafka auf einem Foto von 1923, ein Jahr, bevor er "Josefine, die Sängerin" abschloss. - © Archiv
Franz Kafka auf einem Foto von 1923, ein Jahr, bevor er "Josefine, die Sängerin" abschloss. - © Archiv

Kafka selbst wollte keinesfalls als Lichtgestalt in die Literaturgeschichte eingehen, sondern möglichst bald vergessen sein. Heute ist er ein globales Phänomen, weshalb Janko Ferk Recht hat, wenn er den Prager als "literarischen Urknall" bezeichnet. Dass wir die Texte Kafkas eingebettet in Ferks Gedanken lesen können, ist nicht zuletzt Max Brods Pflichtverletzung zu verdanken, die im physischen Erhalten des Kafkas-Erbes bestand. Janko Ferks lesenswertes Buch sollte die Bibliothek all jener zieren, die sich vorurteilsfrei mit Kafkas Literatur und mit den vielschichtigen Ausführungen seines in Sankt Kanzian am Klopeiner See geborenen Deuters auseinandersetzen wollen.