Im englischen Original von 2014 heißt das Buch "I Put a Spell on You", benannt nach dem Rhythm-&-Blues-Klassiker des exzentrischen schwarzen Entertainers Screamin’ Jay Hawkins, der das Lied über Liebe und Hexerei mehr schrie, grollte und grunzte als sang. Der deutschen, von Bernhard Robben sehr kompetent übersetzten Ausgabe wurde pflichtschuldig der Titel "Über Liebe und Magie" übergestülpt. Denn darum geht es in John Burnsides drittem seiner sogenannten Erinnerungsbücher, die sein 65-jähriges, problembeladenes Leben in der Form der Autofiktion, also einer Autobiografie mit fiktionalen Teilen, reflektieren.

Wiewohl inhaltlich Teile seiner beiden früheren Erinnerungsbücher "Lügen über meinen Vater" und "Wie alle anderen" neuerlich aufgreifend und dabei relativierend - so überdenkt Burnside sein früheres, vernichtendes Urteil über seinen Vater -, ist dieser dritte Teil eher philosophisches Traktat als Erzählung. Aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet der vielfach preisgekrönte schottische Autor die Liebe als ungreifbares Mysterium, die zauberhafte Kraft des Glamours, die für ihn nichts mit der Glitzer- und Scheinwelt des Show Business zu tun hat, und die Möglichkeiten, sich den Zumutungen des gesellschaftlichen Konventionsdrucks und -zwangs zu entziehen.

Abschweifungen

Komponiert ist der Text wie eine breit angelegte Suite: Zwischen den einzelnen Kapiteln, die - ohne unmittelbare inhaltliche Bezüge und eher zur atmosphärischen Grundierung - nach großen Pop-, Rock- und Soul-Songs wie "Dark End Of The Street" (James Carr), "Strange Days" (The Doors), "Just My Imagination" (The Temptations) oder "Good Fortune" (PJ Harvey) benannt sind, erlaubt sich Burnside (insgesamt sieben) "Abschweifungen", flicht ein "Zwischenspiel" ein und hängt ein "Nachspiel" und letztendlich eine "Coda" - einen ausklingenden Schlussteil à la "Hey Jude" oder "Layla" - an.

Burnside hält sich dabei nicht an formale Gebote wie etwa eine chronologische Abfolge und fügt sich - siehe Abschweifungen - auch nur mühsam einer thematischen Rahmung. Trotzdem lohnt sich, allein der Sprache wegen, ein Rekurs auf frühe biografische Eckpunkte, die in diesem wildwüchsigen Dickicht aus Vergangenheitsbewältigung und Welterklärung hervorblinken.

"Ich wurde als unsozialisiertes, neutrales Geschöpf geboren, nahezu eine Tabula rasa mit nur wenigen, an den Rand gekritzelten und kaum besonders vielversprechenden genetischen Graffiti." Der Vater ein von seinem Leben frustrierter, trunk- und spielsüchtiger, gewalttätiger Gelegenheitsarbeiter. Die Mutter eine kränkliche Katholikin, deren glücklichste Augenblicke sind, wenn das Radio in der Küche Schlager wie "Can’t Help Falling In Love" oder "Love is a Many-Splendored Thing" spielt. Ihr, die mit 47 Jahren einem Eileiterkrebs erlegen ist, ist eines der schönsten Kapitel gewidmet - dieses ist auch nicht nach einem Song benannt, sondern trägt den Titel "Piano", leise.