Direkt liebenswert sind sie nicht, die Figuren, die Ottessa Moshfeghs Literatur bevölkern. Eigentlich im Gegenteil: Sie sind sogar ziemlich widerlich. Und auch eklig. Wie der Seemann in ihrem Debütroman "McGlue", der so ein himmelschreiender Säufer ist, dass er sich nicht erinnern kann, ob er seinen Freund umgebracht hat. Oder wie Eileen, die ausscheidungsfixierte Titelfigur ihres für den Booker-Prize nominierten zweiten Romans, die sich nicht wäscht, weil es ihr gefällt, wenn sie vor sich hin miachtelt. Das tut der Faszination dieser Figuren keinen Abbruch. Oder vielleicht macht die Lust an der Abscheu die Faszination gerade erst aus. Moshfegh kann es sich selbst nicht ganz erklären, einmal hat sie es in einem Interview so analysiert: "Meine Texte lassen die Leute ihre ganze Verderbtheit zusammenkratzen, aber auf eine sehr kultivierte Weise... Es ist ein bisschen so, wie wenn man Supermodel Kate Moss beim Scheißen zusehen könnte."

Absurdes Elend

Wollte Literaturstar werden, ist gelungen: US-Autorin Ottessa Moshfegh. - © Liebeskind/Jake Belcher
Wollte Literaturstar werden, ist gelungen: US-Autorin Ottessa Moshfegh. - © Liebeskind/Jake Belcher

In Kürze hat man die Gelegenheit, neue Freunde aus dem Moshfegh-Universum kennenzulernen. Am 20. Jänner erscheint ihr Geschichtenband "Heimweh nach einer anderen Welt" auf Deutsch bei Liebeskind. Da hat zum Beispiel ein Zwillingspaar daran zu kiefeln, dass es das Gefühl hat, nicht hierherzugehören. Also: nicht auf diese Welt. ("Hier, mit euch anderen blöden Menschen.") Was wiederum auch irgendwie ein Leitmotiv in der Literatur dieser der Provokation nicht abgeneigten Schriftstellerin ist. Sie selbst erklärt den Hintergrund ihrer Storys so: "Diese Geschichten waren mein erster Versuch, Menschen damit zu beeindrucken, wie seltsam es für mich ist, mich lebendig zu fühlen. Das mache ich mit diesen Puppen und ihrem absurden Elend."

Erzählungen waren es, mit denen Moshfegh den Weg zum Schreiben gefunden hat. Sie war lange der Meinung, dass diese Form die bessere narrative Form ist als der Roman: "Man kann das mit Sonate und Oper vergleichen", beschrieb sie einmal. "Ich finde die Sonate direkter, bei der Oper wird die Geschichte unter zu viel Pomp begraben." Aber mittlerweile hat sie festgestellt, dass ein Roman doch keine Oper ist. Das hat aber nicht nur damit zu tun, dass ihr Roman "Eileen" für den Booker-Preis nominiert war. Der entstand ursprünglich nicht einmal aus literarischen Überlegungen, sondern aus pekuniären. Moshfegh wollte schlicht und einfach ein Literaturstar werden, aber ihr war klar, mit Erzählungen, so gut die auch waren, wird das nichts. "Ich brauchte einen Roman, um auf der Landkarte der Literatur aufzutauchen und mich von meiner Arbeit ernähren zu können." Also kaufte sie, eher als Scherzübung, einen Ratgeber für Romanschreiber und machte sich an das Genre Krimi, denn ganz ehrlich, wie schwer kann das sein. Heraus kam die gleichermaßen verstörende wie spannende Geschichte darüber, wie die Tochter eines schwerst alkoholkranken Vaters verschwindet.

Nun gehört Moshfegh zum US-Literatur-Establishment, aber so ganz einfügen will sie sich auch wieder nicht: "Wenn die Literaturbranche eine High School wäre, dann würde ich immer bei den Goths sitzen, alle anderen anstarren und mir denken, ja, wurscht."

Jugendlektüre Hesse

Als Tochter einer kroatischen Mutter und eines iranischen Vaters, die beide Musiker waren, wäre auch für sie eine musische Laufbahn vorgezeichnet gewesen. Mit sieben Jahren beherrschte sie bereits vier Instrumente. Aber nicht zuletzt die Lektüre des Gesamtwerks von Hermann Hesse in früher Jugend deutete darauf hin, dass sie doch eine andere Abzweigung nehmen würde.

Den Booker-Preis hat dann jemand anderer gewonnen, aber einmal auf den Geschmack des Romanschreibens gekommen, bleibt Moshfegh dem Genre treu: Ende April erscheint, naturgemäß erst einmal auf englisch, ihr neuester, "Death In Her Hands". Klingt auch wieder nach einem Thriller (eine Frau findet im Wald eine Notiz, die enthüllt, dass hier eine Magda liegt, deren Mörder man nie finden werde), ist aber sehr wahrscheinlich wieder so viel mehr als das. Nicht umsonst ist Moshfeghs Motto: "Das Leben ist die Hölle. Und wie diese Hölle aussieht, davon handelt meine Arbeit."