Über dreißig Jahre ist Danilo Kiš nun schon tot, aber noch immer beschäftigen sich die Literaturkundigen mit dem Frühverstorbenen, diesem außergewöhnlich sensiblen Stilisten der balkanischen Nachkriegsdichtung. Jetzt ist sogar, fast sechzig Jahre nach seiner Entstehung, ein Frühwerk des Autors erstmals in deutscher Sprache erschienen. Man liest und staunt, denn "Psalm 44" erweitert den Blick auf Kiš’ Haupt- und Leitthema, die Menschenvernichtung unter totalitärer Herrschaft, beträchtlich.

Es beginnt mit einer KZ-Flucht im Konjunktiv, die nach und nach Wirklichkeit wird. Die Jüdin Maria hat im Lager Auschwitz den Arzt Jakob kennen- und lieben gelernt. Als sie schwanger wird, gelingt es dem gleichfalls jüdischen Vater ihres Kindes, Maria in das Lager Birkenau verlegen zu lassen, wo sie mit Hilfe der Lagerinsassinnen Jeanne und Polja ihren Sohn Jan zur Welt bringt. Als Polja, eine Russin, an Malaria stirbt, beschließen Maria und Jeanne, die lange geplante Flucht aus dem Lager allein zu wagen. Es ist Ende 1944, von fern ist bereits der Kanonendonner der herannahenden Alliierten zu hören, was die Aufmerksamkeit der Wachen erheblich schwächt.

Christlicher Judenhass

Der schmale, aber gewichtige Roman steckt voller gedanklicher Rückblenden und innerer Monologe. So erinnert sich die unter judenfeindlichen Massenmördern Gefangene an frühe antisemitische Übergriffe, als eine Klassenkameradin sie aus heiterem Himmel bezichtigte, zur Sippe derer zu gehören, die Jesu Tod zu verantworten hätten. "Dein Papa hat Christus gekreuzigt", hatte das Mädchen gesagt und hinzugefügt: "Oder zumindest die Nägel gereicht." Und dann noch: "Auch du hast Nägel gereicht."

Später, auf der Flucht, wird Maria mit ihrem Kind Zuflucht bei Christen auf einem Bauernhof finden. Die Frau, die sie aufnimmt, klagt über den schlechten Einfluss der Juden, die nicht zuletzt auch am Krieg schuld seien. Um zu überleben, wiederholt Maria den Satz von den Nägeln, die jeder Jude gereicht habe. Prompt wird sie für eine Christin gehalten und darf bleiben.

Der jüdische Mediziner Jakob wiederum hat sich, um im KZ zu überleben, als Assistent eines menschenverachtenden Lagerarztes namens Dr. Nietzsche verdingt, der unverkennbar nach dem Bild von Josef Mengele gezeichnet ist. Beim Kartenspiel mit Jakob versucht er, seine Experimente mit Vivisektion und Euthanasie als Dienst am medizinischen Fortschritt zu rechtfertigen und Jakob als späteren Entlastungszeugen zu missbrauchen.