Einer der letzten Briefe Sigmund Freuds ist an eine ihm unbekannte Autorin gerichtet, geschrieben nach der Lektüre ihres unter Pseudonym erschienenen Romans "Der Kaiser / die Weisen und der Tod", den sie ihm im Dezember 1938 in London zugesandt hatte:

"Sehr geehrte Frau (oder Fräulein?) Ihr geheimnisvoll-schönes Buch hat mir in einem Maße gefallen, das mich meines Urteils unsicher macht. Ist es die ergreifende Verklärung jüdischen Leidens, ist es die Überraschung, daß man am Hofe des genialen und gewalttätigen Staufers soviel von den Weisheiten der Psychoanalyse begriffen hat, die mich sagen lassen, daß ich schon lange nichts so Gehaltvolles und poetisch Gelungenes gelesen habe! (...) Wer sind Sie? Woher haben Sie all das genommen, was Ihr Buch ausdrückt? Nach dem Vorrang, den Sie dem Problem des Todes einräumen, sollte man erraten, daß Sie sehr jung sind. Wollen Sie mir nicht einmal einen Besuch schenken? Ich hätte Zeit an Vormittagen. Ihr sehr ergebener Freud"

Hinter dem Pseudonym "R. B. Bardi" verbirgt sich die österreichisch-ungarische Autorin Rachel Berdach, die am 8. Oktober 1878 in Budapest geboren wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts ging sie nach Berlin und emigrierte im März 1938 nach London. Anfang 1947 verließ sie England und ließ sich in Baden bei Zürich nieder, wo sie 1961 starb. 1938 war sie also schon 60 Jahre alt, keine sehr junge Frau mehr, wie Freud vermutete.

Begegnung mit Freud

Die Autorin folgte der Einladung Freuds im Jänner 1939; die Begegnung dauerte etwa anderthalb Stunden, während denen Freud auch ein kurzes Vorwort für die geplante englische Ausgabe entwarf. Diese wurde im Dezember 1939 in der New Yorker Zeitschrift "Der Aufbau" angekündigt. Über das Schicksal des Buches heißt es dort, etwas dramatisiert: "Es war in Wien am Tage vor dem Einzug Hitlers erschienen. Infolgedessen existieren davon nur drei Exemplare. Die übrigen konnten nicht gerettet werden."

Die englische Ausgabe, "The Emperor, The Sages and Death", erschien erst 1962, nach dem Tod der Autorin, unter ihrem wirklichen Namen, ohne das Vorwort von Freud, aber mit einer Einleitung von Theodor Reik. Mit der Autorität des Analytikers entwirft Reik das Bild einer Autorin, die ihr Buch schon lange Wort für Wort in sich trug und nur dank ihres Therapeuten imstande war, in Holland dieses niederzuschreiben, angestoßen auch durch die Machtergreifung der Nazis und durch den Verlust vieler Freunde. Reik schließt seine Einführung mit einem "Ave, poeta".