Im August 1938 erhielt die Familie Non Quota Immigration Visa für New York, da Rose bei ihrer Geburt amerikanische Staatsbürgerin war. Die Familie lebte in Washington Heights im Norden von Manhattan. Waldinger arbeitete in den ersten Jahren unter anderem als Hilfsbibliothekar und in einem Büro des Kriegsministeriums. In dem von Wieland Herzfelde mit anderen Exilanten in New York gegründeten Aurora Verlag erschien 1946 Waldingers Lyrikband "Die kühlen Bauernstuben".

1947 bis 1965 unterrichtete Waldinger Deutsche Sprache und Literatur am Skidmore College, einem Frauencollege, im Kurort Saratoga Springs, 250 Kilometer von New York entfernt. Er publizierte im "Aufbau", schrieb Rezensionen in "Books Abroad" und war literarischer Übersetzer. Zwischen 1946 und 1965 erschienen vier weitere Gedichtbände, in denen er sich immer wieder voller Sehnsucht und Wehmut an die Familie, die Natur und das jüdische Wien seiner Kindheit und Jugend erinnert.

Kurze Wien-Rückkehr

1958 und 1962 kehrten Ernst und Rose Waldinger für Besuche nach Wien zurück. Er wurde zur endgültigen Rückkehr aufgefordert - und ihm eine Gemeindewohnung versprochen. Aber Rose Waldinger wollte nicht zurück.

1961 erschien in der Stiasny-Bücherei der Band "Gesang vor dem Abgrund" mit von Ernst Schönwiese ausgewählten Texten Waldingers. In der 20-seitigen Einleitung des Herausgebers, in den Texten und in der Zeittafel sucht man allerdings vergeblich Hinweise auf die jüdische Herkunft und das jüdische Bewusstsein des Dichters. 1967 wurden Waldingers fragmentarisch gebliebenen Jugenderinnerungen in dem Band "The Jews of Austria", herausgegeben von Josef Fraenkel, publiziert.

Ihre letzten fünf Lebensjahre verbrachten die Waldingers wieder in New York City, wo sie in einer Wohnung am Central Park West lebten. Rose wurde schwer krank. Nach ihrer langsamen Genesung reiste das Paar im Sommer 1969 zum dritten Mal nach Österreich. In Schruns in Vorarlberg erlitt Ernst einen Schlaganfall, kurz danach starb Rose. Hermann brachte seinen Vater zurück nach New York, wo er am 1. Februar 1970 starb.

Über den amerikanischen Germanisten Robert Kauf kam Waldingers vorgeordneter Nachlass mit 3000 Gedichten, 14 autobiographischen, 66 literarischen Aufsätzen und über 1000 Briefen in die Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur, die heute ein Teil des Wiener Literaturhauses ist. Auch die Theodor Kramer Gesellschaft hat im Herbert-Exenberger-Archiv einen Bestand zu Waldinger.

Späte Rezeption

Sammelband aus dem Jahr 1990.
Sammelband aus dem Jahr 1990.

1990 gab der Salzburger Schriftsteller und Publizist Karl-Markus Gauß das Buch "Noch vor dem jüngsten Tag" mit Gedichten und Essays Waldingers im Verlag Otto Müller heraus. Es enthält eine Einleitung von Theodor Waldinger, eine Gedichtauswahl aus den publizierten Bänden sowie aus dem Nachlass und ein Nachwort des Herausgebers. Gauß wählte auch fünf Aufsätze Waldingers aus. "Die österreichische Lyrik zwischen 1918 und 1938" ist etwa der Text eines 1943 vor Deutschlehrern in New York gehaltenen Vortrags. Für Waldingers Liebe zu Österreich, "ein lyrisches Land", und zu seiner Literatur ist dieser Vortrag ein ganz besonderes Zeugnis. Die Erinnerungen an Otto Stoessl, in dessen Wiener Villa in Ober St. Veit das Ehepaar Waldinger 1958 zwei Wochen wohnte, beschreiben die bis 1936 bestehende Stoessl-Runde, der Waldinger wie Martha Hofmann und Stefan Pollatschek ("meinen Freund, den längst verstorbenen und vergessenen Schriftsteller") angehörte.