Ernst Waldinger im Jahr 1960. - © Wiener Stadt- und Landesarchiv
Ernst Waldinger im Jahr 1960. - © Wiener Stadt- und Landesarchiv

"Fremd bin ich längst nicht mehr hierzulande, / Wenn mir auch so manches noch befremdlich scheint. [...] Aber da dachte ich gestern an die schäbige Gaulachergasse / Im Neulerchenfeld meiner frühesten Jahre, / An das Neufellner Orpheum, das später ein Grosskino wurde, / An den alten einstöckigen Adlerhof, wo ich mir das Bein brach, / Die Fassade des fünfstöckigen, der ihn ersetzte, / Verwittert schon bedenklich, und das Haus, / Wo ich zur Welt kam, wurde kürzlich demoliert."

Diese Verse schrieb Ernst Waldinger im August 1966 in New York, wo er seit 1938 lebte.

Ernsts Vater, der aus einer religiösen jüdischen Familie stammende Salomon Waldinger (1869 Drohobycz - 1933 Wien), kam in seiner Jugend für die Behandlung eines Fußleidens nach Wien. Ernsts Großvater Kalman (Kalonymos) Waldinger war Erdölinspektor und Präsident der Grubengesellschaft Wanda in Stryi; er starb 1913. Salomon Waldinger weigerte sich, nach Galizien zurückzukehren, und besuchte in Wien eine Handelsschule. 1894 heiratete er im Leopoldstädter Tempel Anna Spinat aus Bilietz-Biala in Schlesien. Es war eine arrangierte Ehe. Auch Annas Elternhaus war orthodox, aber, laut Ernst Waldinger, war es "eine Orthodoxie ohne jeglichen Fanatismus". Anna konnte flüchten und starb 1963 in Boston.

Jüdische Traditionen

Salomon und Anna Waldinger richteten in der Neulerchenfelder Straße 2, dem "Adlerhof", eine kleine Schuhfabrik mit einem Detailgeschäft ein. Die Familie ging an den jüdischen Feiertagen in den Tempel in der Hubergasse, in dem Rabbiner Julius Max Bach (1872 Wien - 1946 New York) amtierte. Ernst Waldinger, der 1896 in Wien-Neulerchenfeld auf die Welt kam, erlebte seine Bar Mizwa im Hubertempel und schreibt in seinen Jugenderinnerungen: "Die Predigten des Rabbiners wirkten damals tief auf mich. Er hatte dem bewunderten Burgschauspieler Kainz manches von seiner Sprechtechnik abgeguckt. [...] Erst später erkannte ich, wie unecht und leer die hohle Rhetorik dieser Reden war, wenn sie auch die Frauen auf der Galerie zu Tränen rührten."

Die Waldingers waren eine Familie, in der noch viele jüdische Traditionen hochgehalten wurden. Kalman und auch Salomon beteten nach Ernsts Bar Mizwa in zwei kleineren orthodoxen Bethäusern. Theo Waldinger, Ernsts Bruder, erinnerte sich, wie Salomon im Familienkreis jiddische Literatur vortrug und jiddische und Wiener Lieder sang.

Ernst Waldinger besuchte die Volksschule in der Pfeilgasse und das Gymnasium in der Kalvarienberggasse in Hernals. Er hatte drei jüngere Geschwister. Schwester Dinah (1898-1984), verheiratete Frank, lebte später in Haifa. Theo Waldinger (1903-1992) bewunderte und verehrte seinen dichtenden Bruder, der ihn zu langen Lehrspaziergängen mitnahm, bei denen er ihn "in Kunst und Literatur" einführte. Theo war von 1927 bis 1968 Kommunist. Er lebte mit seiner Frau Claire, geborene Kossmann, in Boston und Chicago, war Gewerkschafter, Buchhalter und Produktionsleiter einer Lederfabrik. 1949 kam er zum ersten Mal wieder nach Wien. Bruder Alfred Waldinger (1905-1991) war mit Elias Canetti befreundet, der ihn in "Die Fackel im Ohr" einen Gesprächspartner nannte, "wie man ihn sich besser nicht wünschen kann". Er schrieb wie sein Bruder Gedichte und wurde in den USA Gartenarchitekt.

Obwohl Ernst Waldinger Kriegsgegner war, meldete er sich mit seiner Hernalser Schulklasse 1915 freiwillig für den Kriegseinsatz im Ersten Weltkrieg. 1917 erlitt er in Rumänien einen Kopfschuss und wurde in Bukarest operiert. Die Zeit der Rekonvaleszenz verbrachte er 1919 in der Wagner-Jauregg-Klinik in Wien. Zeit seines Lebens blieben seine rechte Gerichtshälfte und zwei Finger gelähmt.

Nach seiner Gesundung studierte er Germanistik und Kunstgeschichte in Wien; 1921 dissertierte er über den Schweizer Dichter Heinrich Leuthold. 1922 bis 1938 arbeitete er beim "Allgemeinen Tarifanzeiger", dessen Besitzer Alexander Freud war, der ältere Bruder von Sigmund.

1923 heiratete Ernst im Stadttempel Beatrice (Rose) Winternitz. Waldingers Braut war die Tochter von Paula (Pauline) Winternitz, eine der fünf Schwestern Sigmund Freuds. Die jung verwitwete Paula wurde 1942 im Alter von 78 Jahren in Treblinka ermordet. Rose Waldinger war zeitlebens psychisch instabil und litt immer wieder an Depressionen. Das Paar hatte zwei Kinder, den 1923 geborenen Sohn Hermann und die 1927 geborene Tochter Ruth.

Kollege Weinheber

Waldinger schrieb seit seinem 17. Lebensjahr formstrenge traditionelle Gedichte. 1924 feierte er sein literarisches Debüt in der Zeitschrift "Die Waage". 1926 lernte der amerikanische Schriftsteller Ludwig Lewisohn den Dichter in Wien kennen. Er publizierte in der Zeitschrift "The Na-tion" einen Artikel über Waldinger mit der Überschrift "An unknown poet", nahm diese Würdigung in seine Essaysammlung "Cities and Men" (1927) auf und übersetzte einige Gedichte Waldingers ins Englische, die er in der von ihm redigierten Zeitschrift "The New Palestine" publizierte.

1934 und 1937 erschienen im Saturn Verlag zwei Gedichtbände Waldingers, "Die Kuppel" und "Der Gemmenschneider". Er pu-blizierte auch in der kulturzionistischen Zeitschrift "Das Zelt" (1924/25 herausgegeben von Eugen Hoeflich) und im jüdischen Familienblatt "Menorah".

Waldinger kannte Josef Weinheber als literarischen Kollegen; eine seiner Lesungen im Rundfunk wurde 1933 von Weinheber eingeleitet. In der Zeitschrift "Plan" 1948 und in späteren Gedichten beklagte Waldinger die Entwicklung des Dichterfreundes, der von so vielen jüdischen Autoren gefördert worden und dann zu den Nationalsozialisten übergelaufen war.

Flucht nach New York

Bereits als Schüler identifizierte sich Waldinger mit der Sozialdemokratie, besuchte Kurse im Volksheim Ottakring und publizierte regelmäßig in der "Arbeiter-Zeitung". Als 1913 der populäre sozialdemokratische Abgeordnete Franz Schuhmeier von Paul Kunschak erschossen wurde, gehörte Waldinger zu den Trauernden am Ottakringer Friedhof. 1933 war er mit Josef Luitpold Stern, Theodor Kramer und Fritz Brügel einer der Gründer der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller. Bei deren Hauptversammlung am 4. Februar 1934 wurde er zum stellvertretenden Kassier gewählt; vier Wochen später, am 2. März, nach dem österreichischen Bürgerkrieg, wurde die Vereinigung behördlich aufgelöst.

Im August 1938 erhielt die Familie Non Quota Immigration Visa für New York, da Rose bei ihrer Geburt amerikanische Staatsbürgerin war. Die Familie lebte in Washington Heights im Norden von Manhattan. Waldinger arbeitete in den ersten Jahren unter anderem als Hilfsbibliothekar und in einem Büro des Kriegsministeriums. In dem von Wieland Herzfelde mit anderen Exilanten in New York gegründeten Aurora Verlag erschien 1946 Waldingers Lyrikband "Die kühlen Bauernstuben".

1947 bis 1965 unterrichtete Waldinger Deutsche Sprache und Literatur am Skidmore College, einem Frauencollege, im Kurort Saratoga Springs, 250 Kilometer von New York entfernt. Er publizierte im "Aufbau", schrieb Rezensionen in "Books Abroad" und war literarischer Übersetzer. Zwischen 1946 und 1965 erschienen vier weitere Gedichtbände, in denen er sich immer wieder voller Sehnsucht und Wehmut an die Familie, die Natur und das jüdische Wien seiner Kindheit und Jugend erinnert.

Kurze Wien-Rückkehr

1958 und 1962 kehrten Ernst und Rose Waldinger für Besuche nach Wien zurück. Er wurde zur endgültigen Rückkehr aufgefordert - und ihm eine Gemeindewohnung versprochen. Aber Rose Waldinger wollte nicht zurück.

1961 erschien in der Stiasny-Bücherei der Band "Gesang vor dem Abgrund" mit von Ernst Schönwiese ausgewählten Texten Waldingers. In der 20-seitigen Einleitung des Herausgebers, in den Texten und in der Zeittafel sucht man allerdings vergeblich Hinweise auf die jüdische Herkunft und das jüdische Bewusstsein des Dichters. 1967 wurden Waldingers fragmentarisch gebliebenen Jugenderinnerungen in dem Band "The Jews of Austria", herausgegeben von Josef Fraenkel, publiziert.

Ihre letzten fünf Lebensjahre verbrachten die Waldingers wieder in New York City, wo sie in einer Wohnung am Central Park West lebten. Rose wurde schwer krank. Nach ihrer langsamen Genesung reiste das Paar im Sommer 1969 zum dritten Mal nach Österreich. In Schruns in Vorarlberg erlitt Ernst einen Schlaganfall, kurz danach starb Rose. Hermann brachte seinen Vater zurück nach New York, wo er am 1. Februar 1970 starb.

Über den amerikanischen Germanisten Robert Kauf kam Waldingers vorgeordneter Nachlass mit 3000 Gedichten, 14 autobiographischen, 66 literarischen Aufsätzen und über 1000 Briefen in die Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur, die heute ein Teil des Wiener Literaturhauses ist. Auch die Theodor Kramer Gesellschaft hat im Herbert-Exenberger-Archiv einen Bestand zu Waldinger.

Späte Rezeption

Sammelband aus dem Jahr 1990.
Sammelband aus dem Jahr 1990.

1990 gab der Salzburger Schriftsteller und Publizist Karl-Markus Gauß das Buch "Noch vor dem jüngsten Tag" mit Gedichten und Essays Waldingers im Verlag Otto Müller heraus. Es enthält eine Einleitung von Theodor Waldinger, eine Gedichtauswahl aus den publizierten Bänden sowie aus dem Nachlass und ein Nachwort des Herausgebers. Gauß wählte auch fünf Aufsätze Waldingers aus. "Die österreichische Lyrik zwischen 1918 und 1938" ist etwa der Text eines 1943 vor Deutschlehrern in New York gehaltenen Vortrags. Für Waldingers Liebe zu Österreich, "ein lyrisches Land", und zu seiner Literatur ist dieser Vortrag ein ganz besonderes Zeugnis. Die Erinnerungen an Otto Stoessl, in dessen Wiener Villa in Ober St. Veit das Ehepaar Waldinger 1958 zwei Wochen wohnte, beschreiben die bis 1936 bestehende Stoessl-Runde, der Waldinger wie Martha Hofmann und Stefan Pollatschek ("meinen Freund, den längst verstorbenen und vergessenen Schriftsteller") angehörte.

Theo Waldinger lernte Karl-Markus Gauß (und den Literaturwissenschafter Konstantin Kaiser) in den späten siebziger Jahren in Österreich kennen. Ohne die Mitarbeit von Bruder Theo wäre "Noch vor dem jüngsten Tag" nicht entstanden. 1993 erschien dann auch Theo Waldingers Autobiographie "Zwischen Ottakring und Chicago" mit einem Nachwort von Gauß. 1996 würdigte das Wiener Literaturhaus Ernst Waldinger mit einer Vitrinenausstellung und einer Broschüre (von Heinz Lunzer). In Literaturgeschichten wird Waldinger selten erwähnt, aber in Anthologien kann man seine Texte immer wieder finden.

Es gibt einige wenige österreichische Germanisten und Schriftsteller der Gegenwart (Erich Hackl, Johann Holzner, Konstantin Kaiser, Christian Teissl), die über Waldinger geschrieben haben. Es ist aber eine Schande für die deutschsprachige Germanistik, dass Waldingers Nachlass mit den vielen Manuskripten kaum jemals beachtet oder eingesehen und eine Briefausgabe nie erwogen wurde. Und obwohl Waldinger zu Lebzeiten viele Preise und Ehrungen erhielt, ist bis heute in Wien keine Verkehrsfläche nach ihm benannt.