Es war einer jener Tage, von denen man mit Recht behaupten kann, sie hätten den Lauf der Welt verändert. Am 26. April 1986 detonierte der Reaktorblock Nummer 4 des sowjetischen Kernkraftwerks Tschernobyl und verursachte die bis heute schlimmste nukleare Katastrophe der Welt, einen sogenannten "Super-GAU". Seither ist die friedliche Nutzung der Atomenergie schwer diskreditiert; dass Staaten wie Österreich und demnächst auch Deutschland trotz des Klimawandels auf klimafreundliche Atommeiler verzichten, hängt entscheidend mit Tschernobyl zusammen, auch beim Aufstieg der Grünen hat die nukleare Tragödie eine Rolle gespielt, genauso wie beim Zusammenbruch des Sozialismus in der Sowjetunion.

Der englische Journalist Adam Higginbotham hat, was damals geschehen ist, in seinem nun auch auf Deutsch vorliegendem Buch "Mitternacht in Tschernobyl: Die geheime Geschichte der größten Atomkatastrophe aller Zeiten" so präzise, umfassend und detailgetreu niedergeschrieben wie kein anderer Autor vor ihm. Obwohl schon länger im Großen und Ganzen bekannt ist, was damals passiert ist, bekommt das Buch dadurch eine ganz besondere Qualität, es wird zukünftig mit Sicherheit als das Standardwerk schlechthin zur Causa Tschernobyl gelten.

Tausende Dokumente

Trotzdem - oder vielleicht deshalb - liest es sich mitreißend wie ein Thriller von John le Carre. Denn Higginbotham beschreibt penibel das persönliche Drama der zahllosen Akteure, vom überforderten Direktor des Kraftwerkes über einen verkaterten Feuerwehrmann bis hin zu den "Liquidatoren", die in der strahlenden Ruine aufräumten und dies mit dem Leben bezahlten. Die menschlichen Schicksale bettete er in den politischen, historischen und technologischen Zusammenhang ein.

Mehr als zehn Jahre hat Higginbotham für "Mitternacht in Tschernobyl" recherchiert. Unzählige Male begab er sich dafür in die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, besuchte die Sperrzone rund um das havarierte AKW, interviewte Überlebende, nahm an Tagungen teil und ackerte sich durch tausende Dokumente.

Deshalb gelingt es ihm blendend, den Leser gleichsam in jene Tage zurück zu beamen und das Geschehen plastisch erfahren zu lassen. "Und irgendwo inmitten des wüsten Durcheinanders aus Stahl- und Betontrümmern sah Alexander Juwtschenko etwas aufragen, was noch weitaus verstörender war", schreibt er etwa, "eine schimmernde Säule aus ätherisch blauweißem Licht, die geradewegs in den Nachthimmel schwebte und in die Unendlichkeit entschwand." (Es handelt sich dabei um die radioaktive Luftionisation in Folge der Kernschmelze.)

In der wohl faszinierendsten Passage des Buches - die Stunden unmittelbar vor und nach dem Beginn der Katastrophe - schildert der Autor Minute um Minute, welche Faktoren zusammenkommen mussten, um das Unglück auszulösen. Eine unausgereifte Konstruktion des Meilers, ignorierte Warnungen von Experten, ein unerfahrener Mann im Leitstand des Reaktors, ein unzuverlässiges Sicherheitssystem, ein aus Geldmangel eingespartes Betondach, sozialistische Korruption, Schlamperei und Misswirtschaft - all das musste früher oder später zu einem Super-GAU führen, in Tschernobyl oder anderswo. "Die Tschernobyl-Katastrophe und vor allem auch der Umgang der Verantwortlichen mit ihr trugen entscheidend dazu bei, dass Michail Gorbatschow seine Glasnost-Politik durchsetzen konnte. Für Gorbatschow war Tschernobyl aber auch ein Grund dafür, dass sein Versuch, die Sowjetunion zu erhalten, scheiterte", analysierte jüngst die "FAZ" die historische und politische Dimension der Katastrophe, und Higginbothams beeindruckendes Werk trägt entscheidend zum Verständnis dessen bei, was damals geschah.