Dustin Hoffman in "Rainman" ist wohl die erste Assoziation, die die meisten beim Begriff Autismus haben. Der Film hat schließlich eine ganze Generation berührt. Doch das Spektrum ist viel breiter, und spätestens wenn der Wiener Kabarettist Gunkl über seinen Asperger erzählt, wird klar, dass nicht jeder Betroffener auf dem Boden verstreute Streichhölzer zählt oder Panikattacken bekommt, wenn nicht die richtige Unterhose bereitliegt. Und vor allem: Autismus ist keine Behinderung oder Krankheit, sondern ein neurologisch-genetisch bedingte Wesensart.

Das will auch Tracey Garvis Graves deutlich machen. Als Form für ihr Erklärstück wählt sie einen Liebesroman, in dem eine Autismus-Betroffene sich ihren Weg durchs Leben kämpft und darum bemüht ist, möglichst "normal" zu erscheinen, um sich nicht ständig zum Gespött zu machen. Wie sie das tut, ist oft rührend und manchmal auch witzig. Graves setzt einen feinen Humor und auch eine gewisse Ironie ein, wenn sie erzählt, wie Annika Rose an der Uni an jenem Tag, an dem sie aufgeben und heimfahren will, im Schachteam landet, dort Jonathan Hoffman, die Liebe ihres Lebens, trifft, ihn später für zehn Jahre aus den Augen verliert und dann unversehens im Supermarkt wieder plötzlich vor ihm steht.

Beiden ist klar: Sie wollen es noch einmal miteinander versuchen, aber es wird eine Herausforderung, weil zu viel zwischen ihnen passiert ist und das Leben im Spektrum (wie es im Fachjargon heißt) wahrlich kein einfaches ist. Und als wäre das nicht genug, passiert auch noch eine weitere Katastrophe, und die Autorin lässt ihre Titelheldin in einer Extremsituation über sich hinauswachsen.
Bei all dem wird es aber niemals belehrend oder allzu schnulzig. Graves vesteht es,eine spannende Liebesgeschichte zu erzählen, die mit Vorurteilen aufräumt, indem Annika aus ihrer Sicht schildert, wie sie die Welt erlebt. Und zwar so nüchtern und manchmal verwirrt von der Unlogik der anderen, wie es wohl nur eine Frau im Spektrum tun kann. Und Jonathan, der als einer der wenigen mit ihr wirklich umgehen kann, liebt sie wiederum für genau diese offenherzige unverstellte Art. Auch wenn er zugleich manchmal selbst daran verzweifelt. Nach der Lektüre ist man jedenfalls ein bisschen schlauer, sensibilisiert – aber hat sich auch gut unterhalten.

Tracey Garvis Graves: Annika Rose und die Logik der Liebe
Knaur; 320 Seiten; 15,50 Euro