Ein schwieriges Buch. Auch wenn es schwerfällt, als Außenstehender darüber zu urteilen, steht eines fest: Literatur ist es nicht. Und zwar im doppelten Sinne: Was Josef Haslinger in "Mein Fall" über seine sexuellen und körperlichen Missbrauchserfahrungen durch katholische Priester berichtet, beruht auf traurigen Tatsachen. Für jene Institution, die sich der Nächstenliebe und Güte verschrieben hat, bedeutet Haslingers Buch eines der vielen Beispiele für ihr Komplettversagen, auch dies in doppelter Hinsicht: zum einen wegen der zahlreichen Vorfälle in den 1960er Jahren, zum anderen wegen der ungenügenden Aufarbeitung in den 2010er Jahren.

Einfacher Bericht

Literatur aber ist "Mein Fall" auch deshalb nicht, weil es ein Buch ohne Sprachmacht, ohne Ausdruckskunst und ohne literarischen Stil ist. Dem Professor für Literarische Ästhetik, der Haslinger ja quasi im Brotberuf am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig ist, hat es offenkundig die Sprache verschlagen. Was vielleicht nicht nur an der fürchterlichen Thematik liegt, sondern ebenso an der Genese des Buches: Dreimal muss Haslinger vor staatlich eingerichteten Ombudsstellen und Opferschutzgremien über seine Missbrauchserfahrungen berichten, bis er auf jemanden trifft, der das Gesagte überhaupt einmal protokolliert, ihm dann aber sagt: "Herr Haslinger, Sie sind doch ein Schriftsteller. Sie können das alles viel besser formulieren, als ich es kann. Wollen sie mir nicht freundlicherweise das, was Sie mir gerade erzählt haben, schriftlich zusammenfassen?"

Diese im Grunde an Unverschämtheit grenzende Aufforderung, die Haslinger zunächst als Zumutung empfunden hat, war jedoch der Auslöser für die Niederschrift von "Mein Fall": In einem Akt der Selbstermächtigung berichtet Haslinger über "die sexuellen Übergriffe und erzieherischen Gewalttätigkeiten, die mir in der Obhut der Zwettler Zisterzienser widerfuhren".

Versuchsweise, vorsichtig, wie ein immer noch ängstliches Kind, hatte Haslinger schon vorher versucht, in literarischen Erzählungen von seinen Erfahrungen als Sängerknabe im Klosterstift Zwettl zu berichten. Indem er nun nach jahrzehntelangem Schweigen die ganze Wahrheit erzählt und die vollen Namen der Täter nennt, hat er aber keineswegs jenen souveränen Selbstbefreiungsschlag getan, den man dergleichen Opferberichten gerne klischeehaft zuschreibt, sei es aus Mitleid mit den Betroffenen, sei es, um so die unerquickliche Existenz von Missbrauchsstrukturen danach wieder ad acta legen zu können.

"Mein Fall" zwingt den Leser, ein paar in jeder Hinsicht unangenehmen Wahrheiten ins Auge zu sehen: Bekanntlich sind nicht alle Opferbiografien so glücklich verlaufen wie die von Josef Haslinger, der als Professor und namhafter Literat binnen 20 Minuten von der damaligen Verfassungsgerichtspräsidentin Brigitte Bierlein eine Antwort auf seine E-Mail vom November 2018 erhält, in der er sie als Mitglied der Unabhängigen Opferschutzkommission um einen Gesprächstermin bittet, um über seine Erlebnisse mit Pater Gottfried Eder und anderen Tätern zu berichten.

Zwar verfolgt man mit Empörung, wie Haslinger, sozusagen von Pontius bis Pilatus, weitergereicht wird: nämlich erst an die Unabhängige Opferschutzanwaltschaft und dann an die Ombudsstelle der Erzdiözese Wien, um jedes Mal wieder von Neuem die traumatischen Erfahrungen erzählen zu müssen. Zugleich denkt man aber an jene vielen Opfer, die nicht wie er den großen Mut, das soziale Kapital und die psychische Stabilität haben, sich fremden Personen anzuvertrauen, welche einer Kommission angehören, deren Vorsitzende vom Papst den höchsten Orden erhalten hat, den die katholische Kirche an Laien vergeben kann. Dass Waltraud Klasnic sich zudem öffentlich positiv dazu geäußert hat, ihre eigenen Kinder körperlich gezüchtigt zu haben, wie Haslinger ausführlich diskutiert, lässt weitere Zweifel daran aufkommen, wie man im Österreich des 21. Jahrhunderts mit dem Skandal des Kindesmissbrauchs durch katholische Priester umgeht.

Täter entschuldigen

Bestürzend ist ebenso, anhand von Haslingers Protokoll den perversen Mechanismus zu erkennen, wie die Opfer von Missbrauch die Täter zu entschuldigen suchen, um so ihre Verletzungen aushalten zu können. Haslinger beobachtet das mit Erstaunen an sich selbst: Wieder und wieder reflektiert er, warum er bisher keine Namen genannt oder die pädophilen Zudringlichkeiten - angesichts der Prügelstrafen und Gewalttätigkeiten - einmal öffentlich als "das kleinere Übel" bezeichnet hat.

All dies, und noch einiges mehr, lässt "Mein Fall" zu einer so bestürzenden wie - angesichts der aktuellen Zölibats-Debatte - notwendigen Lektüre werden.