"Es wäre interessant zu erfahren, wie die ersten beiden Menschen erschaffen wurden. Aber es ist hübsch zu wissen, wie der dritte entstand." Mit diesem Zitat von Peter Sellers beginnt der Roman "Der Kunstliebhaber". Ähnlich augenzwinkernd klingen auch die ersten Worte der Protagonistin Claire, die sich von Leo im Wiener Kunsthistorischen Museum hat ansprechen lassen und von ihm eingeladen worden ist, nach Rom zu fahren, um Michelangelos Fresken zu besichtigen - vor allem "Die Erschaffung Adams".

"Leo? Erzählt Er mir endlich etwas über Gottes erstes Geschöpf?" Genau so, geradezu klassisch weiblich, kommt Claire in der ewigen Stadt erstmals zu Wort. Und geradezu klassisch männlich antwortet Leo: "Ei, Sie weiß gaaar nichts darüber, sieh an! Hat sich nicht vorbereitet, die Madame, das holt sie bitteschön nach." Sie siezen sich, Leo und Claire, der adelige Waldbesitzer und die ihn anhimmelnde Tierärztin, und ihre Balz wirkt dadurch auf attraktive Art antiquiert. Aber abgesehen davon sind sie ein typisches zeitgenössisches Paar. Wirtschaftlich voneinander unabhängig, alleine lebend, gebildet, ehrgeizig, kinderlos.

Naturgemäß hat sich Claire bestens vorbereitet, sonst säße sie ja jetzt nicht in ihrem "engen und besten Kleid, mit Pferdeschweif und riesiger Sonnenbrille" in Rom, um gebannt den kunsttheoretischen Monologen Leos zu lauschen. Und naturgemäß ist nicht nur die flottgemachte Henne, sondern auch der eitle Gockel bestens auf seinen großen Auftritt vorbereitet. Leo verblüfft bei der Führung durch die Sixtinische Kapelle nicht nur Claire, sondern alle Besucher mit seiner provokanten Frage: "Was macht denn die linke Hand Gottes?" Wenn man das Bild, das im schön edierten Buch wiedergegeben ist, genau betrachtet, scheint Leos Fingerzeig tatsächlich berechtigt.

Die fragliche Stelle aus Michelangelos Fresko in der Sixtinischen Kapelle. - © CC/Web Gallery of Art
Die fragliche Stelle aus Michelangelos Fresko in der Sixtinischen Kapelle. - © CC/Web Gallery of Art

Bestens vorbereitet, um die Aufmerksamkeit auf jahrhundertelang unbeachtete peinliche Details zu lenken, ist auch die Autorin, die mittels des scheinbar einschlägig größenwahnsinnigen Leos ganz ungeniert auch noch das Format des Adam’schen Gemächts voll ins Visier nimmt: "Ob man ihm - nunja - etwas mehr Fülle hätte gönnen können?"

Und dieser gezielte Prankenschlag ist erst der Auftakt. Es folgen noch sieben Kapitel, es werden noch weitere sieben weltberühmte Renaissancebilder seziert, darunter "Das Jüngste Gericht" von Michelangelo, Leonardo da Vincis "Letztes Abendmahl" und die "Venus von Urbino" von Tizian - masturbiert sie oder bedeckt ihre Hand nur schützend die Scham? -, wobei Leo letztendlich in den Hintergrund tritt und Claire zur ambitionierten Exegetin wird.

Parallel dazu scheint sich auch das Bedürfnis nach Nähe zwischen Claire und Leo ganz umzukehren. Aber letzte Gewissheiten gibt es weder da noch dort - und es ist, dank der klugen Konstruktion des Romans, nicht einmal sicher, ob Claire dem Lebemann Leo, der sich oft wochenlang nicht bei ihr meldet, nicht lieber den Hals abschneiden möchte, als ihm bloß einen weiteren "kleinen Tod" zu bescheren.

Es ist ein waghalsiger Ritt auf messerscharfem Grat, einerseits den berühmtesten Kunstwerken so respektlos auf den Leib zu rücken und andererseits die Beziehung zwischen den Protagonisten in derart heikler Balance zu halten. Aber er gelingt. Er gelingt sogar blendend, denn je konzentrierter man liest, desto feiner und tiefsinniger erscheint das potentiell unendliche Netz der Querbezüge. Mehr Anspruch und Anregung lässt sich auf derart knappem Raum kaum versammeln.

Nur 141 Seiten ist das Buch lang, und es spannt einen überzeugenden Bogen von der Antike bis in die Gegenwart. Der in Wien lebenden Autorin (und Malerin) Regine Koth Afzelius ist mit dem "Kunstliebhaber" ein faszinierender Roman gelungen.