Es ist jedenfalls keine Alltäglichkeit. Eine Schriftstellerin nimmt die Lebensgeschichte eines Bankräubers als Grundlage für einen Roman, der die Hauptfigur allerdings nicht zum strahlenden Helden stilisiert. Der Beschriebene kommt danach auch selbst zu Lesungen, weil er sich in dem Werk nicht so dargestellt sieht, wie er das offenbar gern gehabt hätte. Daher schildert Max Leitner dem Publikum, wie zuletzt am Dienstagabend in Welsberg-Taisten in Südtirol, lieber seine eigene Sicht der Dinge. Das passierte diese Woche an insgesamt drei Orten in Südtirol. Meran war am Donnerstag die nächste Station.

Max Leitner war Vorlage für die Hauptfigur. - © Llorenzi/CC-BY-SA 4.0
Max Leitner war Vorlage für die Hauptfigur. - © Llorenzi/CC-BY-SA 4.0

Die Autorin heißt Clementine Skorpil, hat bisher als Sinologin mit historischen Romanen (etwa "Langer Marsch") eingebettet in die chinesische Geschichte eine Lesergemeinde gewonnen. Der beschriebene Mann heißt Max Leitner und wird im gleichnamigen Buch als "Ausbrecherkönig" bezeichnet. Dieser genießt nach 26 Jahren im Gefängnis zumindest in Südtirol das, was man heutzutage einen gewissen Kultstatus nennen würde. Eine kriminelle "Karriere" ab dem 18. Lebensjahr, ein "Häfnbruder", der aber keinen Menschen schwer verletzt hat und von manchen bewundert wird, weil er es geschafft hat, fünf Mal aus dem Gefängnis auszubrechen.

Skorpil, eine Grazerin, die in Niederösterreich lebt, hat diese Woche in einer Bibliothek in Südtirol aus ihrem Roman gelesen. Dort hat sich Leitner dann in der anschließenden, regen Diskussion ebenfalls zu Wort gemeldet. "Er findet, ich habe ihn nicht als den großen Helden dargestellt, der er ist", schildert die Autorin im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Genau deswegen habe sie aber keine Biografie, sondern einen Roman über den "Ausbrecherkönig" geschrieben.

Erinnerungen an Unterweger werden wach

Ein bisschen werden hierzulande Erinnerungen und Vergleiche zu Jack Unterweger wach. Ein wesentlicher Unterschied ist allerdings: Der zuerst wegen Mordes verurteilte gebürtige Steirer wurde in der Haft selbst zum Schriftsteller und damit zur lange gern herumgereichten Vorzeigefigur des humanen Strafvollzugs. Der vorzeitig aus der Haft entlassene "Häfn-Poet" hat schließlich 1994 nach erneuter Verurteilung in erster Instanz zu lebenslanger Haft in seiner Zelle in Graz Selbstmord begangen. Dieser Vergleich kommt auch deswegen auf, weil auch im Roman über Leitners Leben auf seine Rolle als Frauenheld Bezug genommen wird. Geld, Frauen und heiliger Zorn, eine Mischung, die für (Krimi-)Leser immer einen besonderen Reiz ausübt.

Das Problem, sich mit der Geschichte eines noch lebenden Menschen zu befassen, hat andere offenbar von vorneherein abgeschreckt. Ursprünglich sei nämlich der Tiroler Schriftsteller Felix Mitterer gefragt worden, ob er das Buch über Max Leitner schreiben wolle. Das wollte dieser dann jedoch nicht. Über Umwegen landeten die Anfrage und der Stoff in der Folge bei Skorpil. Konkret war es eine Empfehlung der bekannten Krimiautorin und Frauenaktivistin Eva Rossmann, nach der sich der Edition Raetia Verlag schließlich an Skorpil gewandt hat.

Zweite Auflage wegen des Interesses in Südtirol

Sie selbst habe Max Leitner zunächst nicht gekannt, erzählt die Autorin. Dies auch deswegen, weil Leitner zwar auch einmal in der in Österreich bekannten Justizanstalt Krems-Stein eingesessen sei, er aber vor allem in seiner Heimat Südtirol bekannt sei.

Ein rund 20 Stunden dauerndes Interview, das Skorpil nicht selbst geführt hat, während des Hausarrests von Leitner bildete als Transkript die Grundlage für das Buch. Dieses ist Anfang Dezember auf den Markt gekommen. Inzwischen ist das 311 Seiten starke Werk vor allem wegen der Nachfrage in Südtirol, wo es in einer Hardcover-Bestsellerliste auf Platz eins rangiert, in zweiter Auflage erschienen.

Der Problematik, dass aus dem Werk kein Heldenepos wird, war sich die Schriftstellerin von Anfang an bewusst. Auf dem Buchcover steht daher ausdrücklich "Beruht auf wahren Ereignissen". Im Roman steht speziell der widersprüchliche Mensch Leitner im Mittelpunkt, sein Denken von Kindheit an. Die Schilderungen etwa vom Kugelhagel der Polizei bei einem Coup in Innsbruck würden allerdings auch versierteren Kriminalautoren alle Ehre machen.

Ein italienischer Staatsanwalt als fiktiver Gegenspieler

Skorpil hat außerdem dem tiefgläubigen "Ausbrecherkönig", der sich trotz seiner Verbrechen auf einer Art Gerechtigkeitsmission sieht, eine fiktive Figur in Gestalt des Staatsanwaltes entgegengesetzt. Das Gegenüber des Südtirolers Leitner ist noch dazu Italiener, einer der der Hauptfigur gleichsam einen Spiegel vorhält. "Dadurch entsteht eine zweite Perspektive, die nicht wohlwollend ist", betont Skorpil. Man merkt beim Lesen, dass sie sich nach literarischen Kräften darum bemüht hat.

Auch die im Roman angeführten Familienmitglieder wurden literarisch verfremdet. Schließlich ist es für Angehörige alles andere als leicht, mit dem Leben und den Entscheidungen eines mehrfachen Bankräubers in Verbindung gebracht zu werden. "Seine Familie hat das Recht, vor einem voyeuristischen Blick geschützt zu werden", begründet Skorpil diese Entscheidung.

Wie es derzeit aussieht, dürfte es nicht beim Buch bleiben. Jedenfalls gibt es auch Pläne für einen Film. Das Drehbuch dafür soll ein in Wien lebender Südtiroler schreiben.