Die zentralen Feste des Christentums sind bekanntlich Weihnachten und Ostern. Die Gläubigen feiern damit die Geburt Jesu sowie Leid, Sterben und Auferstehung des menschgewordenen Gottessohnes. Im Rest des Kirchenjahres ist von Jesu wundersamem Wirken und seiner Botschaft an die sündige Menschheit die Rede, Dingen, die sich binnen weniger Jahre vor seinem Kreuzestod vollzogen haben.

Darüber hinaus aber wissen wir wenig über diesen Religionsstifter. Einzig im Lukasevangelium wird vom zwölfjährigen Heiland berichtet, der im Tempel angeregt mit den Schriftgelehrten diskutiert. Der Rest ist apokryph: Es gibt ein nicht-kanonisches "Kindheitsevangelium", das hier und da seine Spuren hinterlassen hat. Ansonsten aber sind Kindheit und Jugend Jesu eine biblische Leerstelle, ein weißes, leeres Blatt - und damit eigentlich ein gefundenes Fressen für die Literatur.

Anti-Evangelium

"Die Kindheit Jesu" (2013) und "Die Schulzeit Jesu" (2018) hießen die beiden letzten Romane des Nobelpreisträgers J.M. Coetzee, und dass daraus nur eine Trilogie wird, die jetzt bemerkenswert schnell mit "Der Tod Jesu" endet, überrascht ein wenig, ist aber durchaus konsequent. Denn dieser Coetzee’sche Jesus, der eigentlich David heißt (der biblische Jesus war schließlich vom Stamme König Davids), stirbt schon mit zehn Jahren. Insofern zeigt dieser abschließende Band deutlicher als zuvor, dass Coetzee keine Alternativerzählung zum Evangelium geschrieben hat, sondern eher eine "Anti-Bibel", die mit jeder Menge biblischen Motiven und Anspielungen arbeitet, diese am Ende aber ins Leere laufen lässt.

Dieser David ist als Kind auf einem Flüchtlingsboot nach Novilla gekommen, ohne Eltern, ohne Erinnerung, ohne Vergangenheit "ins Hier und Jetzt geworfen" - und so hat sich der ebenfalls geflohene Simón des Kleinen angenommen und eine Mutter für den Jungen gesucht. Zusammen mit Inés (und deren Hund Bolívar) bildeten sie eine Art heilige Kernfamilie, die - um einer Volkszählung zu entgehen - nach Estrella weitergezogen ist. Dort besucht David eine Musik- und Tanzakademie, bei der die "Schulung der Seele" wichtiger ist als totes Buchstabenwissen. Lesen lernt er selbstständig, und zwar mit Hilfe des Romans "Don Quijote", der sich zu einer Art persönlichen Bibel des Jungen entwickelt.

Dieser neunmalkluge, zugleich aber widerspenstige, extravagante David erweist sich zudem als begabter Fußballer, was den Leiter des örtlichen Waisenhauses auf ihn aufmerksam werden lässt. David erliegt dessen Umgarnungen und will fortan wieder sein, was er anfangs war, nämlich ein Waise: Er möchte gleichsam zurück in den Urzustand des Menschen, "denn wir sind im Grunde alle allein auf der Welt". David verlässt seine Familie und zieht ins Waisenhaus, doch dort macht sich schon bald eine Neuropathie bemerkbar, ein seltsames Muskel- und Nervenleiden, an dem er relativ rasch in einem Spital stirbt.

Zuvor versammeln sich an seinem Krankenbett das Spitalspersonal und Waisenkinder, um Davids Erzählungen aus "Don Quijote" gebannt zu lauschen; und zu einer Art Lieblingsjünger wird Dmitri, der im Vorgängerband einen schrecklichen Mord begangen hat und nun offenbar geläutert ist. Er spricht jedenfalls nach Davids Tod davon, der Junge habe ihm eine Botschaft hinterlassen - freilich ohne konkreten Inhalt, denn "der Bote war die Botschaft".

Der "Bote" David also ist es, auf den ob seiner "Außergewöhnlichkeit" die Menschen ihre Hoffnungen projizieren. Denn eigentlich stirbt David einen elenden, banalen Tod, sein Ableben wird erst durch das Gerücht bedeutsam, die Ärzte hätten ihn umgebracht und seine sterblichen Überreste rasch verbrannt. Religion entspringt der menschlichen Sehnsucht nach Sinn, sie ist Sinngebung des Sinnlosen. Und dieser Jesus ist folglich ein Jesus des Trotzdem, ein Jesus für Existenzialisten.

Kein Glanzstück

J.M. Coetzee, der am 9. Februar seinen 80. Geburtstag feiert, hat einmal davon gesprochen, der "Spätstil" eines Künstlers zeichne sich dadurch aus, dass man von den verführerischen Kräften der Kunst genug habe und sich "auf Geschichten beschränkt, die auch in einer Grundschulklasse nicht fehl am Platze wären". Mag sein, dass diese Jesus-Trilogie als Volksschullektüre taugt, aber es ändert nichts daran, dass sie insgesamt gesehen nicht zu den besten Stücken in Coetzees durchaus beeindruckendem uvre gehört.

Das gilt insbesondere für den Abschlussband, dem das Irritationspotential, das dezent Parabelhafte der beiden Vorgänger weitgehend fehlt. Irgendwann ist man des Jonglierens mit biblischen Motiven, der intertextuellen Spielereien und des seltsam betulichen Stils müde. Und hofft eigentlich nur, dieser Jesus möge bitte nicht von den Toten auferstehen.