Wer Jonathan Coes Bücher kennt, dem sind auch die Protagonisten seines Romans "Middle England" nicht fremd. Wäre doch schade, gutes Personal nicht weiter zu verwenden. So kam der britische Autor auf die Idee, einige Figuren, die er schon in früheren Romanen erfunden hat, auf ihrem Weg zum Brexit - von 2010 bis 2018 spannt sich der Handlungsbogen - zu begleiten. Die meisten von ihnen leben nicht in London, das Buch wirft vielmehr einen Blick auf Britanniens Mitte - um Birmingham.

"Das Ja zum Brexit hatte sicher viele Gründe, aber einer davon war ein Schrei nach Aufmerksamkeit dieser postindustriellen Städte, die in den letzten Jahren ausgehöhlt wurden. Ihre historische Industrie ist verschwunden, ihre Lebensqualität ist heruntergerasselt", erklärt Coe. "Wenn es einen positiven Aspekt des Brexit gibt, man also absieht davon, dass er unsere Wirtschaft zerstört und unsere Beziehung zum Rest der Welt, dann dass diese Städte nicht mehr so vernachlässigt werden. Boris Johnson macht ja allerlei Versprechen, unter anderem diese seltsame Idee, das House of Lords nach York in den Norden zu verlegen."

Eine Drei-Worte-Welt

Jonathan Coes Roman "Middle England" ist bei Folio erschienen. Am 9. März, 19 Uhr, liest er in Wien im Bruno Kreisky Forum. Caroline Irby
Jonathan Coes Roman "Middle England" ist bei Folio erschienen. Am 9. März, 19 Uhr, liest er in Wien im Bruno Kreisky Forum. Caroline Irby

Dass sich solche Ideen auch nur wieder einem Populismus, der zunehmend an die Stelle echter Politik tritt, verdanken, das ist auch Coe klar. "Die Menschen haben leider einen Appetit auf simple Antworten auf schwierige Probleme. Nicht umsonst sind derzeit Drei-Wort-Slogans so in Mode. Beim Brexit-Referendum war es ,Take back control‘, bei der letzten Wahl war es ,Get Brexit done‘. Jeder, der ernsthaft versucht hat, etwa für die Vorteile der EU einzutreten, hätte das mit komplizierten und auch ambivalenten Argumenten machen müssen - das dringt aber nicht mehr durch." Aber Coe versteht das: "Ich denke schon, dass viele Menschen es sich aussuchen, dumm zu sein, das ist ein Art Verteidigungsmechanismus. Wir sind heute so informiert wie nie zuvor, wir verstehen viel mehr von den Folgen unserer Handlungen. Was wir essen, welche Kleider wir tragen, alles hat Folgen für die Politik und die Umwelt. Das erschöpft uns und lässt keinen Raum mehr dafür, das Leben einfach zu leben. Da ist es nicht überraschend, wenn man die Ohren verschließt und das Denken aufgibt."

Ein Lied von Shirley Collins nimmt einen prominenten Platz ein in "Middle England", sein symbolischer Titel: "Adieu to Old England". Coe ist ganz überrascht, dass sich bei den Kommentaren zum dazugehörigen Video auf YouTube seine Leser tummeln. "Ich bin ein Fan von ihr seit den 70ern, da war sie Mitglied der Albion Dance Band. Die spielten elektronische und Rock-Versionen von englischen Folksongs. Mir gefällt, wenn man sich seiner Geschichte bewusst ist, ohne in Nostalgie zu verfallen."

Nostalgie ist ohnehin eine der britischen Spezialitäten, an denen sich Coe auch in seinem Roman abarbeitet: "Tatsächlich neigen ältere Menschen hier zur Nostalgie, und zwar konzentriert sich das kurioserweise auf unsere Rolle im Zweiten Weltkrieg. Es ist eine Art perverse Rückwärtsgewandtheit in Kriegszeiten. Dieser Slogan ,Keep calm and carry on‘, der war 60 Jahre vergessen, bis er plötzlich als Marketing-Instrument wiederentdeckt wurde und jetzt überall zu sehen ist. Ich war sogar in einem Café in Nottingham, das hatte den Zweiten Weltkrieg als Motto. Die Speisekarte war ein russisches Buch und es gab nur Sachen zu bestellen, die man in den 40ern gegessen hat."

Dese aktuelle Eigentümlichkeit der britischen Seele hat aber, wie Coe meint, sowieso ein Ablaufdatum, ist sie doch vor allem der älteren Generation zu eigen. Will man die Briten wirklich in ihrem Innersten verstehen, müsse man nur in ein Gartencenter gehen. Das sind riesige Einkaufsgelände, in denen man sich nicht nur für alle Outdoor-Eventualitäten ausstatten kann, sondern auch Kaffee trinken, seine Kinder abgeben und in Büchern schmökern kann. "Das ist dort so, als würde man englisches Dorfleben der 1950er-Jahre an einem Ort konzentrieren. Solche Dörfer gibt es ja heute nicht mehr. Es ist gleichzeitig faszinierend und schräg. Wenn man verstehen will, was ich mit ,Middle England‘ meine, dann muss man nur ein paar Stunden in so einem Gartencenter verbringen und diesen Mikrokosmos beobachten. Auch dort übrigens gibt es im Buchshop Puzzles mit Weltkriegsmotiven und Kampfflugzeug-Modelle."

Neue Übung in Demut

"Middle England" ist durchaus auch ein komisches Buch, aber wie steht es um den berühmten Humor der Briten - haben sie ihn ein wenig verloren? "Wir Briten waren immer stolz auf unseren Humor und haben es auch genossen, über andere Länder zu lachen. Das hat sich in den vergangenen Jahren umgedreht, ich habe etwa im deutschen TV wilde Satiren gesehen über britische Dummheit und über Boris Johnson. Das ist für uns eine neue Erfahrung, dass wir nicht den Witz erzählen, sondern dass wir sein Opfer sind. Unserer Demut kann das nicht schaden."

Vom Brexit zum Megxit: Was sagt ein Intellektueller eigentlich zum abhandengekommenen Königinnen-Enkel? "Ich bin kein Royalist, aber mir erscheinen die beiden als ein nettes, bewundernswertes Paar mit guten Absichten. Ehrlich gesagt schäme ich mich dafür, wie die Medien sie behandelt haben. Das symbolisiert für mich alles, was an unseren Zeitungen schlecht ist. Ihre Rachsucht, ihre Befangenheit, ihre Kleingeistigkeit. Man darf nicht vergessen: Diese Zeitungen haben auch sehr konsequent jahrelang alles, was in Großbritannien schiefläuft, der EU umgehängt. Die sind ziemlich genial, die finden einen Weg, auch nach dem Brexit die EU zum Sündenbock für alles zu machen. Tatsächlich haben die Zeitungen es geschafft, mich wegen Harry fast schon zum Royalisten zu machen. Da gratulier ich doch."