Das "e" ist vom Winde verweht: "Vom Wind verweht" heißt die Neuübersetzung von Margaret Mitchells Südstaaten-Wälzer. Versmaß-Fetischisten können anmerken: Jambus statt auftaktigem Daktylus. Das nimmt viel von der alten Feierlichkeit, vom Bedeutungsschwang und -überschwang.

Andreas Nohl und Liat Himmelheber haben die Neuübersetzung besorgt. Zum ersten Mal kann man den kompletten Text auf Deutsch lesen. Braucht man ihn? Martin Beheim-Schwarzbach hatte manch eine Passage ausgelassen. Der deutsche Schriftsteller und Übersetzer, wie die Autorin 1900 geboren, brachte seine Übertragung 1937 heraus. Sie blieb bis jetzt die einzig verfügbare.

Ob es der Neuübersetzung wirklich bedurft hat - das freilich steht auf einem anderen Blatt.

Vielleicht ist die Frage grundsätzlicher zu stellen: Wann ist eine neue Übersetzung notwendig?

Prinzipiell sichert die Übersetzung einen großen Vorteil: Im Gegensatz zum Original folgt sie dem Sprachgebrauch der Zeit. Während beispielsweise Briten und Amerikaner zunehmend Probleme haben, Shakespeares barocksprachiges Original zu verstehen, hat das deutschsprachige Publikum dank der Übersetzungen von Erich Fried oder Frank Günther weit weniger Probleme. Unsereiner würde sich dafür mit Gryphius’ Dramen schwertun, würden denn Gryphius’ Dramen gespielt.

Traditore - traduttore: Das Wortspiel ist viel gebraucht, möglicherweise abgebraucht. Dennoch hat es etwas für sich: Verräter - Übersetzer. Der Übersetzer als Verräter eines andernfalls geheim gebliebenen Wissens. Martin Luther hat den Wortlaut der Bibel an alle verraten, die des Hebräischen und Griechischen nicht mächtig waren, ganz so, wie Johann Heinrich Voß übersetzend die Epen Homers verraten hat und Christoph Martin Wieland die Dramen Shakespeares. Allem Verrat wohnt der Zauber inne, das Geheime zu offenbaren.

Zauber - echt und faul

Wie oft lässt sich solch ein Zauber wiederholen, ohne dass man ihn faul nennt oder - ein Verrat anderer Art - als Taschenspielertrick denunziert?

Neuübersetzungen kann man in drei Kategorien einteilen: in notwendige Neuübersetzungen, in willkommene Neuübersetzungen und in überflüssige Neuübersetzungen.

Notwendig sind Neuübersetzungen, wenn die vorhandene Übersetzung (die Mehrzahl ist eventuell mitzudenken) zu weit vom Original abweicht. Das kommt oft vor, wenn Dichter oder Schriftsteller die Übersetzung besorgt und dabei zu viel von ihrem eigenen Stil eingebracht haben. Paul Celans Übersetzungen aus dem Russischen sind solch ein Fall. Friedrich Hölderlins Sophokles-Übersetzungen sind Sprachkunstwerke höchsten Ranges - aber keine zuverlässige Übertragung des altgriechischen Originals. Auch Christoph Martin Wieland übersetzt bei Shakespeare allzu oft, was er gelesen haben will, und nicht, was Shakespeare geschrieben hat.

Willkommen sind Neuübersetzungen dann, wenn die vorhandene Übersetzung zwar philologisch zuverlässig war, aber zu weit hinter die Sprachqualität des Originals zurückfiel. In diesem Sinn willkommen, wenngleich nicht unbedingt notwendig, waren die Übersetzungen aus dem Russischen von Peter Urban und Swetlana Geier.

Bei Urban lesen sich Alexander Puschkin, Anton Tschechow und Isaak Babel so, als wären die Texte ursprünglich auf Deutsch verfasst. Auch Swetlana Geier verzichtet in ihren Dostojewski-Übersetzungen auf die pseudo-russischen Betulichkeiten, die so viele Übersetzer den Texten angetan haben, weil sie nicht begriffen haben, dass idiomatische Bildungen mit idiomatischen Bildungen zu übersetzen sind und nicht wörtlich. Dieses Missverständnis füllte russische Romane in deutschen Übersetzungen mit "Onkelchen" und "Väterchen" und ähnlichem Sprachgestrüpp. Auch die Übersetzungen von Johann Heinrich Voß spiegeln, bei aller Anerkennung der Leistung, nicht Homers Diktion.

Adäquate Übersetzungen aus dem Griechischen und Lateinischen sind sowieso ein zunehmendes Problem. Denn da diese Sprachen aus dem Schulunterricht verschwinden, kommen immer weniger Menschen mit ihnen in Berührung. Damit verringert sich automatisch die Zahl der potenziellen Übersetzer. Ein Glücksfall wie Niklas Holzberg wird immer seltener vorkommen.

Überflüssig sind Neuübersetzungen dann, wenn sich vorhandene Übersetzungen auf einem ohnedies nahezu unerreichbaren Niveau bewegen. Meistens geht es darum, dass Verlage mit der Neuübersetzung eines fremdsprachigen Klassikers auf dem Markt punkten wollen.

Den Verlagen sei das zugestanden. Es ist ihr Geschäft. Obendrein sind Neuübersetzungen, auch, wenn sie entbehrlich sind, oft die einzige Möglichkeit, überhaupt wieder auf einen bestimmten Autor aufmerksam zu machen. Ein Fall wie Thomas Harris "Das Schweigen der Lämmer", das der Heyne-Verlag im Abstand von neun Jahren in zwei unterschiedlichen Übersetzungen herausbrachte, ist eher selten. Zumal die zweite Übersetzung nur bestätigte, was die erste manifestierte: Die Handlung des Thrillers und einzelne schwarzhumorige Details mögen brillant sein - sprachlich aber bewegt sich das Buch auf dem Niveau eines Provinzzeitungsartikels.

Die Angst vor dem Rassismus

Zurück zu "Vom Wind verweht": Die Neuübersetzung erhebt den Anspruch, nahe am amerikanischen Original zu bleiben. Dessen Abstürze in den Orkus des Kitsches und der stilistischen Irrtümer schließt sie mit ein: "Sie flog mit ausgebreiteten Armen leicht wie ein Vogel über den Kiesweg, die verschossenen Röcke wehten hinter ihr." Welch ein Bild! Wenn es stimmt, hat Melanie die Röcke nicht angehabt, sie hingen wohl auf einer Wäscheleine.

Doch dabei bleibt es nicht. Nohl und Himmelheber meinen nämlich, den Roman politisch korrekt umschreiben zu müssen. Damit korrumpieren sie den Text des Originals. "She heard scuffing negro feet coming down the street", schreibt Mitchell. "...hörte sie jemanden die Straße entlangschlurfen", übersetzen Nohl und Himmelheber. "Neger" und "Nigger", von Mitchell im gesamten Text gebraucht, kommen nur noch in der direkten Rede vor, quasi als Rollenprosa. Die plappernde Ausdrucksweise der schwarzen Bediensteten Prissy glätten die Übersetzer. Gerade einmal ein fehlendes "t" bei "ist" und "nicht" gestehen sie ihr zu. Man traut sich heute halt nicht mehr, unterschwellig rassistische Passagen ohne verschämte Korrektur wiederzugeben. Die Erklärung wird für das Nachwort erklügelt. Aber es stellt sich die Frage, ob es nicht doch etwas gibt wie die Feigheit des Übersetzers vor einem Text, der heutigen Ansichten zuwiderläuft.

Dass der Traduttore auch in solchen Fällen der Traditore der Ansichten des Autors ist, wäre wünschenswert. Denn besser ein Autor mit veralteten Positionen als einer, dem man übersetzend moralisch auf die Beine helfen muss. Der Roman nämlich kann im Schmöker-Sektor durchaus bestehen. Wenngleich man für die 1323 Seiten erheblich mehr Zeit aufwenden muss als für die 240 Minuten, der Verfilmung. Und die bietet immerhin eine Vivien Leigh statt verschossener Röcke, die irgendwo wehen.