Ror Wolf ist am 18. Februar in Mainz gestorben. Der am 29. Juni 1932 in Saalfeld/Saale, Thüringen geborene deutsche Schriftsteller transformierte die Wirklichkeit in Sprache. Nachdem die österreichische Fußballmannschaft bei der Weltmeisterschaft 1978 in Córdoba über die deutsche triumphiert hatte, war das für Wolf die Initialzündung: Er collagierte Kommentarfetzen und Interviewpassagen zu Hörspielen. Fußball sollte ihn seine ganze Laufbahn als Schriftsteller begleiten. Er schrieb Lyrik zum Thema, Hörspiele und Prosa. Fußball betrachtete er als existenzielle Erfahrung: "Das Fußballspiel ist nicht die Fortsetzung des Lebens‚ sondern das Leben ist die Fortsetzung des Fußballspiels", schrieb Wolf.

Doch wäre es falsch, Wolf ausschließlich als den Autor zu sehen, der Fußball auf breiter Basis literaturfähig gemacht hat. Die meisten seiner Bücher sind skurril bis grotesk. Eine allgemein verbindliche Wirklichkeit gebe es für ihn als Autor ohnehin nicht, sagte Wolf. Es zähle vor allem das Erlebte: "Die Realität ist eine Mischung, die im Laufe der Jahre zustande kommt."

Arbeiten mit Sprache

Diese Mischung, die man Realität nennt, hat Wolf in eine virtuose Sprache transponiert, die verblüfft und überrascht und doch mehr ist als nur eine Jagd nach pointierter Formulierung. Viel Zeit verwendete er auf die Rhythmisierung seiner Texte.Wolf wuchs in der DDR auf. Da er einer gutbürgerlichen Familie entstammte, verweigerten ihm die Behörden die Zulassung zum Universitätsstudium. So verdingte er sich zwei Jahre als Bauarbeiter, ehe er 1953 die DDR verließ und im darauffolgenden Jahr in Frankfurt am Main bei Marx Horkheimer und Theodor W. Adorno ein Studium der Literatur, Soziologie und Philosophie begann. In der Studentenzeitung "Diskus" veröffentlichte er neben Literatur- und Jazzkritiken auch Prosa, Lyrik und Bildcollagen. Wolf wurde später Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk. Seit 1963 arbeitete er als freier Schriftsteller.

Mehr als 30 Mal zog Wolf um. Zwischen seinen zahlreichen Wohnorten und seinen Collagen sah er einen Zusammenhang: "Das ergibt sich notwendigerweise aus so einem Leben." Zuletzt lebte Wolf 30 Jahre in Mainz.

Der Künstlervorname des als Richard Georg Wolf geborenen Autors setzt sich zusammen aus dem Buchstaben "R" von Richard und "or" in Georg. Zeitweise verwendete Wolf das Pseudonym Tranchirer (Zerteiler), das er aus dem rückwärts gesprochenen Richard entwickelte.

Wolfs erster Roman, "Fortsetzung des Berichts", erschien 1964. Es ist einer der wenigen Versuche, den "Nouveau roman" über eine Querverbindung mit Kafka in die deutsche Literaturlandschaft einzuführen. Seine ganz eigene Sprache entwickelte Wolf dann im Roman "Pilzer und Pelzer" und in den Geschichten des Bandes "Danke schön. Nichts zu danken".


Virtuose Formulierung und Collagetechniken bestimmten Wolfs Schaffen bis in seine letzten Bücher, etwa den Horror-Roman "Die Vorzüge der Dunkelheit" (2012), in dem der Protagonist in die sinistre Welt der Absteigen und Kaschemmen gerät. Sein letztes Buch war der Gedichtband "Die plötzlich hereinbrechende Kälte" (2015). Überhaupt war Wolf einer der erfolgreichsten Lyriker seiner Zeit. Seine Gedichte mochten melancholisch sein oder witzig – der hohen Schule der Wortartistik gehörten sie in jedem Fall an.