Almas Ungeduld und Jähzorn als Kind stechen heraus aus der Familienatmosphäre. Sie kann nicht verlieren, betrügt bei Brettspielen, ballt noch im Schlaf ihre Hände zu Fäusten. So ist Alma ein Fremdkörper in der Familie, in der mehr geschwiegen denn geredet wird. Die Beziehung der Eltern ist ambivalent: nach außen hin freundlich, abends jedoch streiten sie heftig. Und die Großeltern sind einander lange schon fremd geworden. Der Großvater, ehemals Soldat an der Ostfront, kam einst als Spätheimkehrer aus einem kasachischen Lager zurück. Seit Jahrzehnten schweigt er eisern darüber, was er im Krieg und danach gesehen, erlebt und getan hat.

Die Familie ist in dem schmalen, intensiven Roman "Herzklappen von Johnson & Johnson" der 31-jährigen Grazerin Valerie Fritsch, die sich seit dem Vorgängerband "Winters Garten" fünf Jahre Zeit nahm, ein Schauspiel - kein allzu heiteres, vielmehr ein verquält bitteres: "In jedem Zimmer war eine Bühne errichtet für die endlosen Vorstellungen, in denen alle ihr Bestes gaben und stets heimlich enttäuscht davon waren, dass der Applaus für ihre Mühen ausblieb."

Kindlich radikal

Alma, deren Eltern ihre eigenen Egos "so klein hielten, dass man es mitunter übersah", hingegen ist "fasziniert vom großen Exzess, der nackten, nervösen Existenz, unterschied nicht zwischen dem Furchtbaren und dem Schönen und fand, dass alles, was geschah, eine berechtigte Funktion habe in der Welt. Sie ließ alles an sich heran, war melancholisch, pathetisch, betört von radikalen Ideen und erfüllt von einer Bereitschaft für alle kommenden Wunden, die andere vor den Kopf stieß."

Fritsch scheut in ihrem dialoglosen Roman mit auffällig wenigen Absätzen keineswegs das Pathos. Das ist aufregend genug für eine junge Autorin. Ihre Prosa ist hochfliegend dicht, gibt sich an nicht wenigen Stellen betont erhaben. Diese anspruchsvolle Tonhöhe hält Fritsch erstaunlich stilsicher durch, auch wenn Motive wie das Schweigen zwischen den Generationen, Traumata oder Krankheiten literarisch ausreichend traktiert worden sind.

Alma wächst zu einer Frau heran, geht eine Verbindung mit dem Fotografen Friedrich ein und bekommt ein Kind, das sie Emil tauft. Es erweist sich bald, dass dieser aufgrund eines Gendefekts schmerzunempfindlich ist - was die Balgereien und wilden Unternehmungen mit den Nachbarskindern schwierig macht. Regelmäßig zu jeder Stunde nimmt ihn Alma in Augenschein, denn Emil spürt keine Kratzer, keine Verletzungen, keine gebrochenen Knochen, die vielleicht nur mit Komplikationen oder gar nicht wieder zusammenwachsen. Und da ihm Schmerzempfinden fremd ist, schaut er sich mit Beginn des Teenageralters schauspielernd ab, wie andere Menschen reagieren, wenn sie gegen eine Tischecke stoßen, stolpern oder sich einen körperlichen Schaden zuziehen.

Dann erfüllt sich Almas lang gehegter Traum: das Lager, das der Großvater einst überlebte, zu sehen. Denn Friedrich erhält von einem Magazin den Auftrag, Industrieruinen zwischen der Ukraine und Aserbaidschan zu fotografieren. Nach Kasachstan, wo Almas Großvater im Gefangenenlager einsaß, ist es von dort nicht mehr weit. So machen sie sich zu dritt auf den Weg.

Nach Kasachstan

Das letzte Drittel des Romans ist ein Reiserapport. Die Autofahrt - Fritsch legte die 17.000 Kilometer zwischen Graz und Kasachstan und retour selber real zurück - verläuft abseits der großen Städte. Vorbei an aufgelassenen Bauernhöfen über Straßen aus Schlaglöchern durch menschenleere Gegenden: ein Spital ist nur noch Rohbau mit durchlöcherten Böden und alles, was ansatzweise wertvoll war, ist herausgebrochen.

Schließlich erreichen sie die endlose Steppe Kasachstans. Das Lager jedoch, Almas Ziel, existiert nicht mehr. Nur eine kleine Gedenktafel erinnert daran. Alle Spuren sind zerstoben und verweht, die Brücken in die Vergangenheit, in die große des Kriegs wie zur kleinen des Großvaters, sind abgebrochen. Doch der Roman endet mit einer Fellini-artigen Schlusserscheinung und Gelächter - eine Volte von großer rätselhafter Sinnlichkeit, so wie das ganze Buch.