In einem Dorf im hintersten Bregenzer Wald lebt zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts eine Familie noch abgeschiedener als alle anderen: Ausgegrenzt und erhöht zugleich, wohnen Maria und Josef Moosbrugger mit ihren Kindern in bescheidensten Verhältnissen in einem Bergbauernhof am Ende des Tales, wo die kargen Böden nicht einmal gutes Futtergras abwerfen. Von den Dorfbewohnern werden sie abfällig "die Bagage" genannt und in der Kirche steht ihnen nur die hinterste Bank zu. Dennoch ist die Familie mit einer Art Reichtum gesegnet, der Neid und Begehrlichkeit weckt: mit körperlicher Schönheit und Attraktivität.

Eine nahezu märchenhafte Konstellation: Dementsprechend dauert es auch nicht lange, bis Versuchung, Prüfung und Tragik den Verlauf der weiteren Familiengeschichte bestimmen. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, wird Josef eingezogen. Bevor er geht, bittet er den Bürgermeister des Dorfes, auf Maria und die Kinder aufzupassen: auch in Form von Kontrolle, denn bei einer so begehrenswerten Frau kann er sich nicht sicher sein, ob sie ihm auch tatsächlich treu bleibt. Der Bürgermeister erweist sich bei dieser heiklen Aufgabe zuerst als Ehrenmann, versorgt die Familie mit Lebensmitteln und unter seiner Schutzmacht wagt es kein Dorfbewohner, der schönen Moosbruggerin nachzustellen. Aber als Maria sich auf einem Jahrmarkt in einen Soldaten aus Hannover verguckt, der auch dreimal ihren Hof besucht, meldet der Bürgermeister plötzlich vehement Ansprüche an.

Maria wehrt sich mit allen Mitteln, worauf der Bürgermeister sie bei ihrem Mann verleumdet, indem er behauptet, der Vater von Marias jüngstem Kind zu sein. Maria beteuert Josef ihre Treue, aber das Misstrauen ist gesät und Josef wird mit seiner Tochter Grete ein Lebtag lang kein Wort mehr sprechen. So wächst diese zu einer menschenscheuen Außenseiterin heran, deren Verunsicherung auch das Leben ihrer Tochter Monika beeinflusst.

Diese Tochter ist mit der Autorin Monika Helfer ident, die mit der nun vorliegenden autofiktionalen Erzählung "Die Bagage" einen Teil ihrer Familiengeschichte aufarbeitet. "Als ich zum ersten Mal in Wien im Kunsthistorischen Museum war und die Bauernbilder von Pieter Bruegel dem Älteren sah, dachte ich: Die sehen aus wie die Meinigen aus den Erzählungen meiner Mutter und meiner Tante Kathe. Die Kinder sind wie Erwachsene, nur kleiner. Sie tragen die gleichen Kleider, nur kleinere. Sie haben die gleichen ernsten Gesichter, nur kleinere. Die Häuser sind so klein, man kann nicht glauben, dass da Leute hineinpassen. Ich kenne alle ihre Geschichten."

Diese Geschichten formen sich nicht zu einer einzigen wahren, sondern erlauben unterschiedliche Sichtweisen, denn der Verdacht auf eventuelle Familiengeheimnisse prägt die Befindlichkeiten und Berichte der Nachkommen. Es ist beeindruckend, wie kunstvoll Monika Helfer das Gerüchte-Gespinst in ihre Erzählung einzuweben weiß, sodass zwar die Wahrheit stets durchschimmert, aber immer auch ein leiser Zweifel bleibt, der in der Ambivalenz der Figuren begründet liegt: der gewissenhaft sorgende und gleichzeitig hemmungslos übergriffige Bürgermeister; der gütig liebende und doch kontrollierende und bestrafende Ehemann und Vater; die treu schaffende, aber ebenso kokettierend-sehnsüchtige, sich ihrer Schönheit bewussten Frau.

Monika Helfer bringt sich in kraftvollen Sätzen als mitfühlende Erzählerin ein und wahrt gleichzeitig vorsichtig-abwägende Distanz im Bemühen, ihren Figuren Gerechtigkeit angedeihen zu lassen. Sie lässt Verdacht und Spekulation ihre durchaus spannende Dynamik entfalten, hütet sich aber vor reißerischer Überdramatisierung. So ist es ihr gelungen, eine umfassende Familiensaga auf ein 160 Seiten umfassendes Buch zu komprimieren, in dem alles gesagt ist und noch dazu auf wunderbar literarische und im besten Sinne einfache Weise.