Ein neuer Commissario ist in der Lagunenstadt: Antonio Morello, der in Sizilien auf der Todesliste der Mafia steht, weil er den Paten - seinem Spitznamen "Der freie Hund" folgend - zu oft ans Bein gepinkelt hat, wird nach der Ermordung seiner Frau (eigentlich galt das Attentat wohl ihm) zu seinem eigenen Schutz nach Venedig versetzt – und fällt prompt noch vor Beginn des erstes Arbeitstages in den Kanal.

Spätestens da muss man an Donna Leons Commissario Guido Brunetti denken, der recht früh festgestellt hat, dass er niemals freiwillig in den verdreckten Kanälen von Venedig schwimmen würde. Ansonsten ist "Der freie Hund" allerdings ein ziemliches Kontrastprogramm zu Donna Leon, denn von bedächtig und besonnen wie bei Brunetti kann beim aufbrausenden Sizilianer Morello keine Rede sein, wenn er den Mord an einem Kreuzfahrtschiff-Gegner aufklärt. Und es wird politisch, weil auch das umstrittene Hochwasserschutz-Projekt "MOSE" eine Rolle spielt.

Der Landsmann von Andrea Camilleris Commissario Salvo Montalbano, dem er durchaus ähnlich ist, sorgt schon im ersten Band für gute Unterhaltung. Und so wie Donne Leon widmen sich seine Schöpfer Wolfgang Schorlau & Claudio Caiolo auch gesellschaftlichen und politischen Fragen in Bezug auf die Lagunenstadt und ihre Bewohner. Einziges Manko sind mehrere holprige Übersetzungen aus dem Italienischen, die den Lesefluss stören. Das beginnt schon beim Titel, wenn aus einem "cane senza padrone" ein "freier Hund" wird. Wenn schon, wäre "Streuner" wohl die bessere Übersetzung gewesen - und mindestens genauso treffend in Bezug auf Morello. So oder so hat der Sizilianer in Venedig das Zeug dazu, ein würdiger Nachfolger für Montalbano zu werden (dessen Ermittlungen ja mit dem Tod seines genialen Schöpfers Camilleri im Vorjahr ein Ende gefunden haben).

Wolfgang Schorlau & Claudio Caiolo: Der freie Hund
Kiepenheuer & Witsch; 336 Seiten; 16 Euro