Stellen Sie sich eine Welt im Jahr 2128 vor, in der Künstliche Intelligenz das Leben prägt. Jeder hat seine persönlichen Link-Implantate, selbst Kinder im Waisenhaus werden von empathischen Robotern aufgezogen - und dann kommt ausgerechnet der Spross eines der weltweit größten HiTech-Konzerne daher, ruft sich selbst zu König von Europa aus und nimmt seinen Untertanen so gut wie alle technischen Errungenschaften weg. Er stürzt sie zwar nicht in Hunger und Armut, raubt ihnen aber ihre digitale Existenz.

In dieser Welt wächst Ophelia Scale auf. Und nachdem ihre große Liebe, der Widerstandskämpfer Knox, "gecleant wurde" (was das genau bedeutet, möge man selbst im Buch nachlesen), beschließt Ophelia im Jahr 2134, den König zu stürzen. Dazu lässt sie sich mit Hilfe der Widerstandsgruppe, zu der sie auch selbst gehört, ins System einschleusen und bewirbt sich für die königliche Garde. Doch nach erfolgreicher Aufnahme merkt sie bald, dass sie viel weiter ins Innere vorgedrungen ist, als sie erwartet hat - und dass sie dabei in einer Welt voller Lug und Trug, Täuschung und Verrat gelandet ist. Vor allem ist da der mysteriöse jüngere Bruder des Königs, der offenbar sein ganz eigenes Spiel spielt. Welche Rolle spielt er in dem ganzen System wirklich? Wie weit kommt Ophelia auf ihrer Mission? Und was hat es mit jener hyperintelligentesten Künstlichen Intelligenz auf sich, die je gebaut wurde und nach der "Abkehr" (dem Verbot aller Technologie) nun ausgerechnet vom König und seinem Regime selbst eingesetzt wird?

Fragen über Fragen stürzen auf die junge Heldin ein, die oft überfordert ist, manches erst spät durchschaut und in ihrem Kampf für Freiheit und Wahrheit in so manche Sackgasse gerät. Lena Kiefers Trilogie beginnt spannend und hält diese Spannung auch durch. Und die Autorin darf für sich verbuchen, dass sie zwar nicht unbedingt ganz neue Ansätze für ihre Erzählung gefunden hat, aber die drei Bücher trotz ihrer Dicke (allein Band eins hat 464 Seiten) nicht langweilig werden. Sie sind straff durchkomponiert und dicht. Die Erzählung (zu der es inzwischen auch schon ein Prequel gibt) ist zwar ausführlich und ausschweifend, kommt aber trotzdem immer auf den Punkt. Und sie streift neben einem Geheimdienstabenteuer und einer Liebesgeschichte auch eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit: Bereichert Künstliche Intelligenz unsere Existenz als Menschen oder ist sie letztendlich doch eher eine Gefahr für diese?

Lena Kiefer: Ophelia Scale 
cbj; ab 14 Jahren; 3 Bände; je 18,50 Euro