Malcolm Gladwell schreibt, wie Alfred Hitchcock Filme gemacht hat. Er zoomt möglichst nah an das Geschehen heran, er überrascht mit ganz unerwarteten Wendungen, er sorgt für Spannung von Anfang bis zum Ende. Und er bleibt bei alledem immer ganz nah an der zeitgenössischen Realität. So könnte man, kurz gefasst, den speziellen Stil und den großen Erfolg des in New York lebenden Sachbuchautors erklären. Zumindest nach der Lektüre seines bisher letzten Buches, das 2019 erschienen ist, entsteht genau dieser Eindruck.

"Talking to Strangers" ist der Originaltitel des Bandes, und Gladwell dokumentiert darin akribisch rund ein Dutzend Geschichten, von denen beinahe jede Stoff für den Master of Suspense hätte sein können. Es geht in diesen Geschichten um Betrug und um Spionage, um sexuelle Belästigung und Vergewaltigung, um Mord und um islamistischen Terror. Und es geht um Verbrechen, die lange unentdeckt blieben, obwohl es Hinweise, Verdachtsmomente und Zeugen gab.

Ana Belén Montes etwa, eine Mitarbeiterin des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA, die für Kuba spioniert hat, geriet bereits Jahre vor ihrer Enttarnung unter Verdacht. Gladwell erzählt ihren Fall mit einer dramaturgischen Raffinesse, die jener von Hitchcocks Film "Topaz" gleicht.

Und es geht auch, umgekehrt, um Fälle, in denen - durch Fehler, die vermeidbar gewesen wären - Unschuldige im Gefängnis landen. Amanda Knox etwa, die 2007 in Perugia "im Mittelpunkt der polizeilichen Ermittlungen, und im Tsunami der Pressemeldungen" stand, als ihre Mitbewohnerin Meredith Kercher ermordet wurde. Oder die junge Afroamerikanerin Sandra Bland, die 2015 in Texas von einer Polizeistreife angehalten wird, und dabei unter Verdacht gerät. Gladwell erzählt diesen tragisch endenden Fall aus Perspektiven, die an Szenen aus "Psycho" erinnern.

Trotz Parallelen zu Hitchcock segelt Gladwell, der Autor von Sachbuchbestsellern wie "Tipping Point" ("Der springende Punkt"), unter der Flagge der Aufklärung. Und er liegt als Aufklärer auf gutem Kurs, wenn er findet, dass "unsere Instrumente und Strategien, mit denen wir andere Menschen verstehen wollen" nicht gut genug funktionieren und es da-rum vernünftig wäre, zu fragen, wie sich das ändern lässt.

Unter anderem dadurch, so Gladwell, dass man die Balance zwischen Vertrauen und Misstrauen optimiert - konkret zum Beispiel, indem man proaktive Polizeikontrollen nur in den wenigen Gegenden einer Stadt durchführt, die eine überdurchschnittliche Kriminalitätsrate haben. Das klingt sehr überzeugend. Und überzeugend wirkt auch der - in mehrfacher Hinsicht ernüchternde - Rat, den Gladwell jungen Menschen mit auf den Weg gibt, die sich auf Partys sturzbetrunken mit Fremden auf einen Flirt einlassen.

"Talking to Strangers" ist ein profundes Sachbuch, und ein außergewöhnlich gut geschriebenes. Aber es überzeugt nicht völlig. Der deutsche Titel des Buches lautet "Die Kunst, nicht aneinander vorbeizureden", und es soll, laut Umschlagtext, ein "Ratgeber" sein, "in Zeiten, in denen überall Missverständnisse lauern, weil wir uns heute mehr denn je mit Menschen verständigen müssen, die uns nicht vertraut sind". Diese generalisierende Einschätzung schraubt die Erwartungen der Leser zu sehr in die Höhe.

Zu den Autoren, die sich schon vor einem halben Jahrhundert, zur Zeit des Kalten Kriegs, mit dem großen Thema beschäftigt haben, das nun auch Malcolm Gladwell beackert hat, zählt jedenfalls auch Paul Watzlawick, und dessen Analysen jener psychologischen Faktoren, die unser Reden und Verhalten bestimmen, auch im Umgang mit Fremden, sind so tiefschürfend, dass sie, auch heute noch, bessere Orientierung über "Die Kunst, nicht aneinander vorbeizureden" geben.

Unbequemer Rat

Stilistisch ähnlich und ähnlich gut gelungen wie Gladwells "Talking to Strangers" ist auch das 2019 erschienene Buch "180 Grad - Geschichten gegen den Hass" des deutschen Journalisten Bastian Berbner. Und es geht auch bei ihm um die grundsätzliche Frage: Wie können Menschen einen guten Umgang miteinander finden, die einander vollkommen fremd sind?

Allerdings verfolgt Berbner einen anderen Lösungsweg. Während Gladwell sein Vorwort mit dem mahnenden Satz "Manchmal sind die besten Gespräche zwischen Fremden diejenigen, die es den Fremden erlauben, Fremde zu bleiben" beschließt, eröffnet Berbner sein erstes Kapitel mit der Ansage "Wie Begegnungen mit Fremden die Gesellschaft retten können". Und während Gladwells dystopisch grundiertes Buch dem sinistren Werk von Hitchcock Referenz erweist, könnte man Berbners Buch in die Tradition der großen Utopien stellen und als Huldigung der Filme von Frank Capra verstehen, die das idealistische Selbstverständnis Amerikas in der "New Deal"-Ära von Franklin D. Roosevelt in den Kinos der 30er und 40er Jahren gespiegelt und auch geprägt haben.

Wie können also Menschen einen guten Umgang miteinander finden? Indem sie aufeinander zu- gehen und miteinander reden. Auch wenn sie eine ganz andere Herkunft haben. Oder eine ganz andere politische Einstellung. Oder vielmehr: Gerade dann, wenn sie eine ganz andere Herkunft haben. Und eine ganz andere politische Einstellung. So lautet der Rat, den Bastian Berbner gibt.

Und er beschränkt sich nicht auf eine Sammlung von Fallbeispielen. Er flankiert seine im besten Sinne humanistischen Ansichten und Absichten auch mit einem bemerkenswerten Spektrum von interessanten wissenschaftlichen Untersuchungen.

Aber der Rat, den Berbner gibt, klingt nicht nur unbequem - er ist es auch. Daran lässt auch der Autor selbst keinen Zweifel. Und er stellt klar, dass es im Einzelfall nicht immer funktioniert, auf Fremde zuzugehen. In manchen Fällen beseitigt das Kennenlernen ein Vorurteil gegenüber Fremden nicht, sondern es bestätigt dieses Vorurteil sogar. Lohnt es sich also für den Einzelnen, die Unbequemlichkeit in Kauf zu nehmen?

Berbners Erzählungen von Menschen, die lebenslang negative Vorurteile über Migranten oder über politisch Andersdenkende hatten, und diese Vorurteile revidiert haben, nachdem sie welche kennengelernt hatten, berühren jedenfalls. Und sie wirken glaubwürdig. Nicht zuletzt deshalb, weil auch Berbners differenzierte und harte Beurteilung der deutschen Politik glaubwürdig wirkt:

"Als Angela Merkel im Sommer 2015 entschied, die Grenzen für Flüchtlinge offen zu lassen, begrüßten das alle im Bundestag vertretenen Parteien. Gleichzeitig stimmten in einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen 41 Prozent der Befragten der Aussage zu, Deutschland könne eine so große Zahl von Flüchtlingen nicht verkraften. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung waren das 25 Millionen Wahlberechtigte."

Besonders Berbners Einschätzung der Folgen ist sehr kritisch: "Da ist es völlig egal, wie richtig Merkels Entscheidung aus ethischen, moralischen, humanitären Gründen gewesen sein mag. Für die repräsentative Demokratie ist es gefährlich, wenn Millionen Menschen niemanden haben, der sie repräsentiert." Und er kommt zum Schluss: "In der Demokratie reicht es nicht, wenn die Regierung etwas Richtiges tut. Sie muss die Menschen davon überzeugen, dass es richtig ist."

Aber hatte Angela Merkel überhaupt eine Chance, keinen Fehler zu machen? Hat es sich 2015 überhaupt um ein lösbares Pro-blem gehandelt? Oder stand die deutsche Bundeskanzlerin vor einem unlösbaren Dilemma? Und warum hört man anderen Menschen nicht nur mit zwei, sondern mit vier Ohren zu?

Sechs Jahre Dialog

Mit diesen interessanten Fragen beschäftigen sich der Medienwissenschafter Bernhard Pörksen und der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun in ihrem neuen Buch, "Die Kunst des Miteinander-Redens". Sie beschreiten dabei den mühsamen Weg, und suchen für jede einzelne kommunikative Aufgabenstellung nach der am besten passenden Lösung - mit präzisen Instrumenten und ausgefeilten Strategien.

Sie legen also jedes Wort auf die Goldwaage. Einzeln. Wenn es sein muss. Das Resultat wirkt überzeugend, es klingt stimmig. Die Vorgangsweise aber erscheint heute, wo gute Bücher zum gleichen Thema (wie die von Gladwell und Berbner) auch als Podcast erscheinen, und wenig ausgereifte Gedanken auf den Markt geworfen werden, die "Fertig-Antworten" und "Rezepte für alle Fälle" anbieten, etwas anachronistisch. Vielleicht ist es daher angebracht, ein wenig über die Entstehung dieses (schwerkalibrigen, und dennoch erfreulich schlanken) Buches zu sprechen, das nicht nur auf der Höhe der Zeit, sondern dieser sogar ein Stück voraus ist.

Es ist das konkrete Resultat eines sechs Jahre langen Dialogs und darüber hinaus einer noch viel länger währenden Zusammenarbeit zweier auf ihrem Gebiet führenden Fachleute. Das Buch, das nun daraus entstanden ist, erinnert wohl auch darum in seiner Dichte an "Mein Essen mit André", einen Film von Louis Malle, in dem zwei Intellektuelle einen Abend lang in einem New Yorker Restaurant miteinander über das Leben reden. Sonst passiert gar nichts, aber der Dialog alleine ist stark genug, um den Film zu tragen.

Überlebensthema

- © Cartoon: Margit Krammer
© Cartoon: Margit Krammer

Was macht den Dialog so interessant? Die Fokussierung auf das Wesentliche. Wenn es um Krieg oder Frieden geht, um Demokratie oder Diktatur, um Rettung oder Untergang, und wenn klar wird, dass jeder einzelne Mensch selbst entscheidenden Anteil da-ran hat, wohin die Reise letztlich geht, und wenn klar wird, dass jeder auch selbst davon betroffen ist, dann wird ein Gespräch spannend. Und genau darum geht es bei Bernhard Pörksen und Friedemann Schulz von Thun.

Man begreift, weil ihre Gedanken lange gereift sind, dass Miteinander-Reden tatsächlich eine Kunst ist. Und man begreift, dass diese Kunst "kein Luxus-, sondern ein Überlebensthema" ist. Und zwar für jeden. Und, natürlich, auch für jede. Und - mehr noch - für jede und jeden in jeder denkbaren Situation.

"Hellwaches Bewusstsein für die Nuance" ist allerdings notwendig, um dem Dialog von Pörksen und Schulz von Thun überhaupt folgen zu können. Die Lektüre des Buches, das in der bewährten Tradition des bereits erwähnten Paul Watzlawick steht, setzt, wie jedes gute Gespräch, gespannte Aufmerksamkeit voraus.