Den Anderen bloß keine Umstände machen. Ihr Leben lang war Fanni, inzwischen 58, so etwas wie ein blinder Passagier. Stets bemüht, nur ja keinem im Weg zu sein. Nicht den Eltern, nicht dem Ehemann - und schon gar nicht den inzwischen erwachsenen Kindern. Aber natürlich wird sie gebraucht und hat eine Rolle zu spielen. Als Fanni das Funktionieren nicht mehr aushält, steigt sie ins Auto und fährt los. Auf gut Österreichisch: Sie "putzt sich" und erkennt bald: Zurück geht nicht mehr.

Nach dem Erzählband "Auto- lyse Wien" (2017) und den Romanen "Watschenmann" (2014) und "FanniPold" (2016) hat Karin Peschka nun mit der Aussteigergeschichte "Putzt euch, tanzt, lacht" ein besonders mutiges Statement gesetzt: Es gibt kein Alt oder Jung, kein Älter oder Jünger, es gibt keine Schablone. Nur das blanke Leben, das man anpacken muss. Ein Roman voll Humor und Lebensfreude.

Und auch ein Roman über das wahre Wesen von Freundschaft, verbunden mit einer Hoffnung gebenden Botschaft. Denn kaum ist Fanni aufgebrochen, begegnet sie neuen Menschen und entwickelt tiefe Beziehungen. Weil fernab der Normen die Toleranz größer ist, man lässt einander Zeit, es wird weder geformt noch bevormundet.

>Da ist die wunderbare Ärztin Tippi, die eigentlich schon längst in Pension gehen wollte, aber zum Glück nicht aufhören kann, zu ordinieren. Da ist der aus der Gesellschaft aussortierte, weil geistig beeinträchtigte Marek mit seinen zahlreichen Großmüttern und den fedrigen, grauen Haaren. Überschwänglich, sensibel liebt dieser Mann Hummeln und Rimbaud und fürchtet sich bei Gewittern beinahe zu Tode. Da ist eine junge unkonventionelle Biologin namens Berlin. Da sind die Eheleute Ohnezweifel, welche durch eine Diagnose aus ihrer Bahn und in eine neue Spur geworfen wurden. Und da ist sogar ein Liebhaber für Fanni. Oder zwei - denn über alte Rollenmuster sind sie alle längst hinweg.

Gemeinsam gründen diese unterschiedlichen, einander respektierenden Persönlichkeiten eine Alten-Alm-Hütten-WG im Pinzgau. Sie benennen ihren Verein nach einer italienischen Autobahnraststätten-Serviererin, die sie nur flüchtig kennengelernt haben: Accursia kommt mit dem Computer nicht zurecht, aber sie weiß noch, was Bargeld ist. Sie trägt eine altmodische Kittelschürze mit aufgenähten Taschen und hat Wasser in den Beinen. Als Relikt aus einer Welt, in der die Leute noch nicht mit implantierten Chips bezahlen, wird diese Unbekannte den Mitgliedern der Wohngemeinschaft zum Symbol für Individualität.

Das Leben auf der Hütte ist frei. Manche Vereinsmitglieder wohnen ständig hier, andere kommen jeweils nur für ein paar Tage zu Besuch. Es gibt weder Verpflichtungen noch Bindungen, nur die aus dem eigenen Bewusstsein entsprungene Verantwortung. Die Almbewohner arbeiten, sie liegen nackt in der Sonne, sie reden miteinander, sie beobachten die Hummeln. Es sind alte Teenager, die gepflegt verwildern. Sie trinken, sie rauchen, sie tanzen, sie lachen. Sie lesen dem verängstigten Marek bei Gewitter französische Gedichte vor. (Auch Peschkas Romantitel ist ein Zitat von Arthur Rimbaud: "Parez-vous, dansez, riez".). So muss es sein, denkt Fanni, man sollte für einen schönen Abend nicht erst irgendwo irgendwas reservieren müssen. Come as you are. Die daheim bleiben, werden das nie erfahren.

Karin Peschka kam 1967 in Eferding, Oberösterreich, zur Welt. Sie ist Trägerin zahlreicher Literaturpreise; ihr Roman "Watschenmann" wurde 2019 für die Bühne adaptiert und im Wiener Volkstheater aufgeführt.