Ein Nichtsnutz und Versager: Das ist Hugo de Covarrubias in den Augen seines Vaters Don Fernando, der ihn anno 1474 mit einer Ladung Wolle von Burgos in Kastilien in den Norden nach Flandern schickt, auf dass er dabei endlich richtig arbeiten lernen solle, während er seinen Stiefsohn Damián zu seinem Geschäftsnachfolger macht. Doch unterwegs deckt Hugo auf, dass Policarpo Ruiz, der Verwalter seines Vaters, mit jenem des Vaters seiner Sandkastenfreundin (wenn es im 15. Jahrhundert schon Sandkästen gegeben hätte) Berenguela gemeinsame Sache macht und den alten Don Fernando betrügt. Mit seiner Entdeckung bringt sich Hugo aber selbst in Gefahr, und als Policarpo ihm nachstellt, rettet er sich nach einer rasanten Verfolgungsjagd im Hafen auf ein ablegendes Schiff - das bis nach Neufundland auf Waljagd fährt.

- © (c) Verlagsgruppe Random House GmbH, Muenchen
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Es ist der Beginn einer abenteuerlichen Reise, die Hugo nicht nur in den hohen Norden nach Neufundland führt, sondern auch tief in den Süden bis nach Tunesien, wo er gemeinsam mit einem von ihm freigekauften Sklaven eine Salzmine erwirbt. Doch auch das ist eigentlich nur der Auftakt für eine monumentale Geschichte um einen Wollhändlersohn, der eigentlich von der Malerei eingenommen ist und seine wahre Bestimmung sucht - und natürlich auch die große Liebe in der Fremde (die Handlung reicht bis nach Timbuktu), während Berenguela, die ihn schon immer liebte, aber deren Gefühle von ihm nicht so erwidert wurden, in eine ungewollte Ehe mit seinem Stiefbruder gezwungen wird, in der sie sich vor Sehnsucht nach Hugo verzehrt.

Wie ein Organist bedient der Autor Gonzalo Giner die gesamte Klaviatur des Historienromans mit Händen und Füßen in mehreren Handungsebenen, die sich immer wieder kreuzen - oder auch nicht, weil es im 15. Jahrhundert eben noch ein Handy, ja nicht einmal ein rasches Postsystem gab. Genau dadurch ergeben sich immer wieder dramatische Situationen, wenn der Held und seine Mitprotagonisten einander versäumen oder mangels Informationen Intrigen nur halb oder gar nicht wahrnehmen. Da werden Briefe abgefangen, Lügen verbreitet, unliebsame Mitmenschen weggesperrt und verraten, was und wer verraten werden kann. Und angesichts der 864 Seiten fragt man sich an mehreren Stellen im Buch, was denn jetzt auf den noch fehlenden 400, 200 oder 100 Seiten noch kommen wird, wo doch jeweils ein (gutes) Ende greifbar wird.

Aber mehr als einmal treibt Gonzalo Giner seine Figuren erneut unerbittlich auseinander, lässt sich einen neuen Schicksalsschlag oder eine weitere Intrige einfallen und sorgt so dafür, dass zum Schluss die Rechnung aufgeht. Und ja, es ist eine durchaus kitschige Gleichung, die dieses Buch von der ersten bis zur letzten Seite einfasst, aber es ist trotzdem ganz großes Kino mit dem Zeug zur Netflix-Serie (mit mindestens fünf Staffeln; da wurde schon aus weniger Stoff eine längere Berrenguela Spielzeit herausgeholt). Dabei bedient sich der Autor einer blumigen, bisweilen auch etwas gestelzt wirkenden Sprache, die aber gut zu seiner Erzählung passt über eine Zeit, in der ein Kuss schon an Intimität kaum zu überbieten ist, eine brave Christenfrau täglich zu Beichte und Messe geht und Ehre keine hohle Phrase darstellt (zumindest unter echten Ehrenmännern).

Ach ja, und nebenbei erfährt man auch sehr viel Wissenswertes über die Gesellschaft des späten 15. Jahrhunderts, über den Wollhandel, über die Salzgewinnung und über die Glasmalerei auf Kirchenfenstern, die heutige Touristen eigentlich viel mehr bewundern sollten.