Ernesto Cardenal, nicaraguanischer Dichter und Politiker, katholischer Priester, laut Eigendefinition "Sandinist, Marxist und Christ", ist am Sonntag, den 1. März, in Managua im Alter von 95 Jahren gestorben. Cardenal galt als Galionsfigur der Befreiungstheologie, seine Psalmen sowie sein "Evangelium der Bauern von Solentiname" sind ebenso legendär wie seine Gegnerschaft zu Papst Johannes Paul II., die schließlich zu einer Suspendierung als Priester führte. Erst Papst Franziskus hob 2019 diese Maßnahme wieder auf.

Geboren wurde Ernesto Cardenal am 20. Jänner im nicaraguanischen Granada als Sohn einer wohlhabenden Familie. Sowohl er als auch sein Bruder Fernando, der ebenfalls Priester wurde und eine prägende Gestalt der Befreiungstheologie war, besuchten das Jesuitenkolleg.

1954 beteiligte sich Ernesto Cardenal an der April-Revolution gegen Anastasio Somoza García, die verraten, niedergeschlagen wurde und in einem Massaker endete. 1956 verließ Cardenal Nicaragua. In Mexiko und Kolumbien studierte er katholische Theologie. Nach seiner Rückkehr nach Nicaragua empfing er 1965 in Managua die Priesterweihe.

Die urchristliche Kommune

Auf der Insel Mancarrón in Nicaragua-See gründete Cardenal eine Kommune nach dem angenommenen urchristlichen Vorbild. Dort schrieb er "Das Evangelium der Bauern von Solentiname". Am 13. Oktober 1977 besetzte er mit einer Gruppe Bauern aus Solentiname die Kaserne der Guardia Nacional de Nicaragua von San Carlos. Daraufhin zerstörten die Soldaten der Regierung Anastasio Somoza Debayles die Einrichtungen in Solentiname. Cardenal ging nach Costa Rica ins Exil, wo er sich der sandinistischen Befreiungsfront FSLN (Frente Sandinista de Liberación Nacional) anschloss. Cardenal über seine politische Verpflichtung: "Ich stehe nicht abseits im Kampf meines Volkes. Ich stehe mittendrin. Das ist meine Pflicht als Dichter und auch meine Pflicht als Priester."

Am 19. Juli 1979, dem Tag des Sieges der Nicaraguanischen Revolution über Anastasio Somoza Debayle, kehrte Cardenal nach Nicaragua zurück. Die sandinistische Regierung von Daniel Ortega ernannte Cardenal zum Kulturminister. Cardenal setzte sich für eine "Revolution ohne Rache" ein. Seine wichtigste Tat als Politiker war die umfassende Alphabetisierungskampagne für die bis dahin nahezu 70 Prozent Analphabeten des Landes.

Papst Johannes Paul II. hatte in Polen eine marxistische Diktatur erlebt. Für ihn war die Verbindung von Christentum und Kommunismus in der Befreiungstheologie inakzeptabel, während Cardenal argumentierte: "Wir Christen sind heute vielfach der Überzeugung, dass der Christ nicht nur Marxist sein kann; vielmehr muss er, ist er wirklicher Christ, auch Marxist sein. Die Betonung liegt auf muss."

Nachdem der längst international bekannte Cardenal dem iranischen Revolutionsführer Ajatollah Chomeini durch einen Besuch den Rücken gestärkt hatte, eskalierte der Konflikt mit dem Papst. 1983 unternahm Johannes Paul II. eine Reise durch Südamerika. In Nicaragua schrien Sandinisten den Papst bei einer Predigt nieder. Daraufhin stellte Johannes Paul II. in Managua Cardenal in aller Öffentlichkeit bloß. Anfang 1985 suspendierte der Papst Cardenal wegen dessen politischer Tätigkeit in der FSLN von seinem Amt als katholischer Priester. Cardenals Bruder, der Jesuitenpater Fernando Cardenal, war 1984 als Erziehungsminister in die nicaraguanische Regierung eingetreten und unmittelbar danach von seinem Orden ausgeschlossen worden.

Doch auch mit der FSLN trug Ernesto Cardenal Konflikte aus: Nachdem Staatspräsident Ortega 1987 das Kulturministerium, vorgeblich aus Kostengründen, aufgelöst hatte, gründete Cardenal mit dem österreichischen Schauspieler Dietmar Schönherr das internationale Kultur- und Entwicklungsprojekt Casa de los tres mundos in Granada. 1994 verließ Cardenal aus Protest gegen den autoritären Führungsstil Ortegas die FSLN.

Zurück zur Poesie

1998 wurde gegen Cardenal kurze Zeit ein Haftbefehl wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung erlassen. Anlass dafür war die angebliche Besetzung eines Grundstücks durch Mitglieder der von Cardenal geleiteten Stiftung "Vereinigung für die Entwicklung von Solentiname".

Nach seinem Ausscheiden aus der Politik konzentrierte sich Cardenal wieder auf seine Arbeit als Autor. Auf internationalen Reisen engagierte er sich unablässig für seine Verbindung von Christentum und Marxismus. Cardenal wurde freilich auch nicht müde, Ortegas Machtmissbrauch anzuprangern: "Daniel Ortega und seine Frau Rosario Murillo haben sich das ganze Land angeeignet, Justiz, Polizei und Militär eingeschlossen, ihre Macht ist unbegrenzt", sagte er 2018.

1977 hatte Cardenal gesagt: "Künftig schreibe ich nur revolutionäre Gedichte, die die Revolution zum Thema haben. Die Revolution packt einen wie die Liebe. Besser gesagt, die Revolution ist die Liebe." Tatsächlich waren Liebe und Revolution die Hauptthemen seiner Lyrik, die sich teils spröde zeigte, teils den Tonfall von hohem Pathos anschlug. Die frühen Liebesgedichte haben einen Tonfall unprätentiöser Zärtlichkeit, die Cardenal eine Stellung als bedeutender Liebeslyriker sichern. Dass seine politischen Gedichten mehr von Rhetorik als von Poesie getragen sind, liegt in der Natur der Sache. Doch in "Gesänge des Universums" kommt eins zum anderen - das Ergebnis ist eine Gesamtschau des Kosmos, die in 43 Gesängen von Mythen über soziale Anklage bis zur Verbindung von Marxismus und Christentum reicht und die Verwirklichung von Gottes Reich auf Erden beschwört. In seinem tiefsten Wesen war der marxistische Priester eben doch vor allem ein Poet.