Wie sehr Literatur dazu geeignet ist, konkrete reale Krisen und Herausforderungen zu verarbeiten, zeigt sich derzeit in Italien: Die mit der Coronavirus-Krise konfrontierten Italiener interessieren sich derzeit verstärkt für Literatur, die sich mit Zeiten von Epidemien befasst. Von Boccaccios "Dekameron" über Alessandro Manzonis "Die Brautleute" bis zu Saramagos "Die Stadt der Blinden": Viele Leser greifen zu Werken, die das Thema epidemischer Ausbrüche behandeln.

In Zeiten der Quarantäne und Heimisolierung schlägt man gern wieder Klassiker auf. Erinnerungen an die Schulzeit tauchen auf, und Italien entdeckt Giovanni Bocccaccios "Dekameron" wieder, eine Sammlung aus 100 Novellen, die zwischen 1349 und 1353 entstanden ist. Die Rahmenhandlung verlegt Boccaccio in ein Landhaus in den Hügeln von Florenz, in das sieben Frauen und drei junge Männer vor der Pest flüchten, die im Frühjahr und Sommer des Jahres 1348 in der Toskana wütete.

Im Landhaus versuchen sich die Flüchtlinge gegenseitig zu unterhalten und die Zeit zu vertreiben. Daher wird jeden Tag eine Königin oder ein König bestimmt, welcher einen Themenkreis vorgibt. Zu diesem Thema hat sich nun jeder der Anwesenden eine Geschichte auszudenken und zum Besten zu geben. Nach zehn Tagen und zehn mal zehn Novellen kehrt die Gruppe wieder nach Florenz zurück. Der Titel "Decamerone" bedeutet - in Anlehnung an das Griechische - "Zehn-Tage-Werk". Der "Dekameron" ist zum Vorbild weiterer abendländischer Novellensammlungen geworden. Die Beschreibung der Pest in Florenz ist beklemmend realistisch und dient auch noch bis heute als historische Quelle über diese Epidemie.

Literarischer Klassiker: Pest

Lombardische Literatur-Liebhaber fühlen sich in diesen Coronavirus-Zeiten wieder zu Alessandro Manzonis Meisterwerk "Die Brautleute" hingezogen, deren endgültige Fassung 1840-1842 in Mailand erschienen ist. Das Werk, das als erstes Beispiel des modernen italienischen Romans gilt, beschreibt das Irren des Protagonisten Renzo auf der Suche nach seiner geliebten Lucia durch die von der Pest verheerte Stadt Mailand im Jahr 1630, als die Lombardei von den Spaniern beherrscht wurde. Manzonis Beschreibung der Mailänder Pest gehört in die Reihe der großen literarischen Pestdarstellungen.

Protagonisten von Manzonis "Die Brautleute", die nach Dantes "Göttliche Komödie" als das bedeutendste Werk der klassischen italienischen Literatur gilt, sind ein einfaches, junges Paar, Renzo und Lucia, die am Comer See leben. Die bevorstehende Hochzeit wird von einem skrupellosen Adeligen vereitelt, der sich die junge Frau gefügig machen will. Zwei Jahre und rund 800 Romanseiten wird es dauern, bis sich die Verlobten wieder in die Arme schließen und endlich heiraten können.

Dramatik, Sex und Machtstreben

Eine Hauptrolle spielt im Roman die in Mailand 1630 ausgebrochene Pest. Nach langem Suchen findet Renzo Lucia in einem Pestlazarett, wo sie ursprünglich als Patientin eingeliefert wurde. Nach überstandener Krankheit arbeitet Lucia nun dort als Pflegerin. Nach langer Trennung kommt es zu einem Wiedersehen und die Protagonisten können endlich heiraten, da der böse Don Rodrigo inzwischen an der Pest gestorben ist.

Die dramatischen Auswirkungen einer Epidemie auf das Leben einer ganzen Stadt schildert der portugiesische Nobelpreisträger Jose Saramago in seinem 1995 erschienenen Bestseller "Die Stadt der Blinden", der vom brasilianischen Regisseur Fernando Meirelles verfilmt wurde. Saramago beschreibt darin die unheimliche Massenerblindung einer ganzen Stadt infolge einer Epidemie. Dabei steht ein uraltes spirituelles Motiv im Vordergrund: Die Idee der "blinden Seher", und von Menschen, die nicht das Wesentliche sehen und erkennen, sondern von Egoismus und Materialismus, Sex- und Machtstreben getrieben sind. (apa)