Es ist nichts unbedingt Neues, festzustellen, dass sich an Peter Handke die Geister scheiden, und dies nicht erst seit der Kontroverse um den Nobelpreis. Das zumeist negative Kritikerecho, auf das "Das zweite Schwert", Handkes erste literarische Veröffentlichung seit dem Nobelpreis, nahezu allenthalben stieß, spricht Bände. Was aber zählt, ist allein der Text, den es zu lesen und zu bewerten gilt.

Vor dem Nobelpreis

Wer die Geschichte von einem, der auszieht, um Rache zu nehmen - nämlich an einer Journalistin, die das Andenken der für den Erzähler "heiligen" Mutter geschändet hat, indem sie eine bereits länger zurückliegende Attacke auf den Schriftsteller mit einer Fotomontage ergänzte, welche dessen Mutter als junge Frau in der Mitte einer Jubelmenge am Tag des "Anschlusses" zeigt -, wer also diese Geschichte vornehmlich oder allein als "Aufarbeitung" der medialen Kritik im Gefolge des Nobelpreises liest, nimmt den Text nicht ernst. Dass der Vorfall authentisch ist, hat Handke schon vor einiger Zeit in Interviews bezeugt; ebenso glaubwürdig ist der Umstand, dass sein neues Buch, wie eine Notiz am Ende erläutert, von April bis Mai 2019 entstanden ist, also vor der Bekanntgabe der Entscheidung der Schwedischen Akademie.

Dass der Erzähler von "Das zweite Schwert" zwar erkennbar autobiografisch fundiert, aber auf keinen Fall mit Peter Handke identisch ist, versteht sich von selbst. Zugleich ist der Racheplan natürlich nur ein Vorwand für den Erzähler, sich auf eine jener Reisen aufzumachen, von denen die allermeisten Handke-Bücher handeln. Einem Gemeinplatz zufolge ist der Weg wichtiger als das Ziel: Als der Erzähler bei der Journalistin ankommt, sind alle Rachegelüste verschwunden und die gestörte Ordnung ist durch Harmonie wiederhergestellt.

Handke ist ein Autor, dem man auf der Langstrecke des Romans nicht immer unbeschwert folgen kann. Ein literarisch ganz Großer ist er aber stets dann, wenn er im Format der "kleinen Form" arbeitet, etwa als Journalschreiber oder als sprachmächtiger Aufzeichner seiner Beobachtungen. "Das zweite Schwert" ist reich gesegnet mit wundervollen literarischen Stellen. So etwa wenn der Erzähler das Gefühl beständigen Auswärtsseins aufgrund seines Lebens im Ausland beschreibt, bestechend genau eine Gruppe von Kindern in der Trambahn beobachtet, die Realität subtil poetisiert, indem er in seiner "Maigeschichte", wie "Das zweite Schwert" im Untertitel heißt, plötzlich ausgestorben geglaubte Maikäfer auftauchen lässt oder den übersehenen, nichtig wirkenden Dingen Gerechtigkeit verschafft und beispielsweise den im Türrahmen des Nachbarhauses stehenden Pantoffeln besondere Aufmerksamkeit schenkt.

Handkes neues Buch hat mit rund 150 Seiten einen handhabbaren Umfang; zwar besitzt es hin und wieder auch gewisse Längen, insbesondere im zweiten Teil, aber sie fallen nie sonderlich ins Gewicht. Dies auch deshalb nicht, weil "Das zweite Schwert" ein Sprachkunstwerk voller gelungener Formulierungen, poetischer Passagen und voll amüsantem Sprachwitz ist. So etwa, wenn der Erzähler zugibt, ein "Handtelefon" zu besitzen, wobei er es natürlich nicht für Trivialitäten wie telefonieren benutzt, sondern da-rauf Gedichte liest, die ihm ein Bekannter zusimst.

Poetischer Eigensinn

Im realen Leben und innerhalb der Eitelkeiten des Literaturbetriebs mag die Person des Peter Handke ein Querulant mit merkwürdigen Ansichten sein, in seinen Texten aber behauptet er einen sehr sympathischen poetischen Eigensinn, der sich in "Das zweite Schwert" als einer literarischen Reise durch die Randbereiche von Paris in seiner Aufmerksamkeit für alles Periphere, scheinbar Nebensächliche und normalerweise nicht für literaturfähig Erachtete als ein großer Schriftsteller des Kleinen erweist. Und das ist vielleicht eine bedeutendere Auszeichnung als irgendwelche Preise.