Die 1943 in Moskau geborene Schriftstellerin Irina Liebmann schreibt nicht-fiktionale Prosa, aber auch Hörspiele, Gedichte und Theaterstücke. Meist spielen ihre Werke in der Mitte von Berlin, ihrem Lebensraum, der zugleich ihre eigene Familien- und die deutsche Geschichte spiegelt.

Ihr neues Buch "Die Große Hamburger Straße" ist eine Mischung aus Langzeitreportage, Essay und Roman. Die in Ost-Berlin aufgewachsene Autorin erzählt darin von ihren Streifzügen seit 1983 durch die kurze Große Hamburger Straße und deren direkte Umgebung. Sie liest eigene Tagebuchaufzeichnungen, memoriert, fantasiert, flaniert, reflektiert Inschriften, betritt Geschäfte, Hinterhöfe und Wohnungen, begegnet "Turnschuhbesuchern und Pappkaffeetrinkern", wird Mitglied eines Stammtisches im Café von Nummer 17, wo auch der Tischler - "einst eene janz rote Socke" - lebt und arbeitet; sie beobachtet das Licht, die Farben, bauliche und soziale Veränderungen und stellt fest, dass die alte Schrift auf den Fassaden "fett und rund" ist: "Sattlerei Dahms, Eschke Posamentenhandlung, Schultze Cigarrenfabrikation".

In einer eigentümlich altertümlichen Sprache, durchzogen von vielen Fragen an sich selbst, Ausrufen und Echos aus der Umgangssprache eröffnet Irina Liebmann einen Raum, der weit über Berlin-Mitte hinaus klingt.