Gegen Hoden, Berufspolitiker, Lobbyisten; gegen Ausländerhetze, Autofahrer, Radfahrer; gegen alles und jeden, vor allem Männer, aber auch Frauen. Das Buch "Und wie wir hassen" richtet sich mit Texten von unter anderem Stefanie Sargnagel, Maria Muhar, Kathrin Röggla, Sibylle Berg und Barbi Marković auf Hass in seinen allumfassenden Dimensionen, ausschließlich aus weiblicher Sicht. Hinter dieser gnadenlosen Zusammenstellung, die neben dem zornigen auch einen humoristischen Ton anschlägt, steckt Lydia Haider: Autorin, Musikerin und Mitglied der radikal-feministischen Burschenschaft Hysteria. Ein Gespräch gewährte sie der "Wiener Zeitung".

Kennt sich aus mit respektvoller Respektlosigkeit: Lydia Haider. - © Apollonia T. Bitzan
Kennt sich aus mit respektvoller Respektlosigkeit: Lydia Haider. - © Apollonia T. Bitzan

"Wiener Zeitung": Kam die Idee zu "Und wie wir hassen!" von Ihnen oder vom Verlag Kremayr & Scheriau?

Lydia Haider: Der Verlag hat mich gefragt, ob ich eine Anthologie rausgeben möchte nach dem Vorbild "Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht". Das waren vornehmlich junge deutsche Frauenstimmen, wo es um Gewalt ging. In Gesprächen mit Esther Straganz, mit der ich auch gemeinsam den Roman "Am Ball" erarbeitet habe, entstand schon vor längerer Zeit die Idee, Frauen einzuladen, um zu schimpfen, hassen und hetzen, also das zu machen, was gerade überall herumschwirrt, aber nur Männer tun. Dabei können die gar nicht auf so einem Niveau schimpfen und hassen wie Frauen.

Der Verlag hat zugestimmt, und ich habe mir 15 Frauen überlegt.

Haben Sie hinterher Zensur üben müssen? Dass zu viel Hass in gewissen Texten gewesen wäre?

Nein, so etwas gibt es ja gar nicht. Wo wäre eine Grenze im Hass? Und in der Kunst sowieso nicht. Wenn es da Grenzen für mich geben und ich eingreifen würde, dann wäre ich im falschen Bereich. Jemand hat mich gefragt: "Warum 15 Frauen?", das fand ich auch schräg. Bei Männern würde man das nicht fragen, weil das dort normal ist - auch in der Realität.

In den verschiedenen Texten ist oft nicht einfach festzumachen, wo Ernsthaftigkeit aussetzt und Ironie anfängt - gerade wegen ihrer Brutalität ein wichtiges Reibungsfeld.

Manche Texte sind satirisch zu lesen, manche total ernst, andere erzählend - das ist schon eine fette Bandbreite. Hass- und Hetzreden leben im Kunstbereich davon, dass sie mit voller Übertreibung drüberfahren, und trotzdem in der Wirklichkeit geerdet sind. Umso schwieriger ist es vielleicht, die passende Leseart zu finden.

Wenn man diese 15 Autorinnen und Sie an einen gemeinsamen Tisch setzt, wäre das ein harmonisches Treffen oder eine Begegnung voller Hass?

Das kommt darauf an, was diskutiert wird, aber es gäbe auf jeden Fall Konsens. Wir würden sehr gut zusammenpassen, weswegen ich sie auch ausgewählt habe. Das sind alles extrem harte Frauen, die sich nichts scheißen, die sich was trauen, damit es gesellschaftliche Veränderungen gibt - und Veränderung braucht es in so gut wie allen Bereichen. Diese Frauen haben vollen Respekt vor der Gegenwart - deswegen arbeiten sie auch respektlos damit. Respektvolle Respektlosigkeit.

Wer Sie von Lesungen und Performances kennt, vermutet wahrscheinlich eine sehr strenge, dominante Person hinter Ihnen, während Sie im Umgang empathisch und umgänglich sind. Braucht es diese Diskrepanz?

Ich weiß nicht, ob Diskrepanz das richtige Wort ist. Ich glaube eher, dass die Leute, die am radikalsten in ihrer Sache und in ihrem Auftrag sind, dadurch erst so entspannt sein können im restlichen Leben. Ich kann deswegen eine umgängliche Person sein, weil ich die ganze Strenge, das Zugespitzte und Radikale schon in meine Arbeit reinlege. Ich glaube ich bin auch erst so umgänglich und gechillt, seit ich so viel schreibe. Ich war früher nicht so nett. Früher bin ich nicht schreiben gegangen, sondern raufen. Jetzt hol ich das Notizbuch raus und tobe mich dort aus. Da gibt es dann zwar auch nicht weniger gebrochene Nasen, aber es ist ein gutes Ventil.

Ihre Texte sind oft geprägt von Maßlosigkeit und Exzess, ohne, dass man beim Lesen einmal durchatmen könnte. Spiegelt sich das auch in Ihrem Lebenswandel wider?

Exzessiv fortgehen, ja. Exzessiver Lebenswandel, ja. Generell immer alles exzessiv, auch die Sprache, das Denken, die Schreibweise. Damit die ruhige Seite in mir ruhig sein kann. Ja nie in der Mitte sein. Das ist ganz furchtbar.

Rauchen, trinken, Texte produzieren ist für Sie eine Einheit. Besonders Rauchen und Hassen sind politisch von rechter Seite okkupiert - wollen Sie das neu ausrichten?

Ja, unbedingt, das war eines meiner Hauptanliegen. Dieses Hassen habe ich mir bereits angeeignet mit meinem Buch "Wahrlich fuck you du Sau, bist du komplett zugeschissen in deinem Leib drin, oder: Zehrung Reiser Rosi" (2018), mit dem Gefühl: "Ich kann das viel besser als ihr! Diese mächtige Sprache gehört euch nicht, und das Rauchen schon gar nicht."

Rauchen hat immer uns gehört! Aber jetzt muss ich in den Lokalen, wo ich schreibe, zum Rauchen rausgehen, rauche weniger - und schreib dadurch auch weniger. Ich finde das bitter, und der Staat Österreich ist schuld daran, dass es weniger Literatur gibt.

Manja Präkels schreibt in ihrem Text, dass Hass eine negative Energie ist, die alle Neugier tötet. Wie sehen Sie das?

Wenn ich von der schreibenden Seite komme, und nicht von der rezipierenden, dann bleibt hoffentlich nach einer Hassrede nichts über und es ist ausgehasst. Und nachher kann man gechillt in ein Interview gehen. Für die Rezipierenden ist es, wenn man an das Katharsis-Prinzip glaubt, vielleicht so ähnlich - oder auch eine furchtbare Aufstachelung. Wenn ich das radikal beantworte, muss ich sagen: Wie auch immer ihr damit umgeht, es ist mir wurscht, weil ich muss das jetzt tun. Rein vom Schreiberischen ist es nötig, sich genau das vorzunehmen, was in der Gesellschaft gerade präsent ist - und das ist heute Hass. Dann stellt sich die Frage nicht: Bleibt da was über? Oder sind nachher alle beleidigt? Hoffentlich seid ihr beleidigt - damit sich etwas tut, damit es anstoßt und ein Umdenken in Gang kommt.

Soll das Buch im Endeffekt Frieden durch Hass säen?

Vielleicht. Oder dass die Leute sehen, dass sie blöd sind. Nein, blöd ist ein zu schwaches Wort. Ich spreche lieber von "Evolution neu". Alles aus, ich und die ganze Menschheit - und eine neue Lebensform muss her, was auch immer für eine.