"Es geht darum, über sich selbst zu entscheiden": Lutz Seiler. - © dpa/picturedesk.com/Hendrik Schmidt
"Es geht darum, über sich selbst zu entscheiden": Lutz Seiler. - © dpa/picturedesk.com/Hendrik Schmidt

"Nur dort gewesen zu sein, hätte nicht gereicht", sagt Lutz Seiler auf die Frage, wie wichtig es für sein neues Buch war, im Berlin der Nachwendezeit gelebt zu haben. Aber er war ja nicht nur dort, er war mittendrin. So wie Seiler, damals 26 Jahre alt, 1989 die "kleine Freiheit" der abenteuerlichen Gegenkultur auf der Insel Hiddensee miterlebt und selbst in der Abwaschküche im "Klausner" gestanden hatte, lange bevor da-raus mit "Kruso" eine Geschichte wurde, so kellnerte er in der Zeit unmittelbar nach dem Fall der Mauer in der Berliner "Assel" in der Oranienburger Straße, der ersten neuen Kneipe, die nach der Wende entstand.

Lutz Seiler, nunmehr 56, hat den Herzschlag dieser aufregenden Zeit von 1989 bis in die frühen 1990er Jahre jeweils dort vernommen, wo er am heftigsten pochte. Dass der bis dahin vor allem als Lyriker bekannte Autor 2014 den Deutschen Buchpreis für den Roman "Kruso" erhielt, hat auch dies gewürdigt: dass hier einer zur rechten Zeit am rechten Ort war, so sensibel und genau hingehört hat und Jahrzehnte später einen Roman darüber schreiben konnte, dessen Tiefgründigkeit noch einmal hineinführt in die Zeit und zugleich aus historischem Abstand deren Einmaligkeit porträtiert.

Als Carl, der Held von "Stern 111", mit Mitte 20 kurz nach der Maueröffnung planlos ins buchstäblich aufgewühlte Berlin aufbricht, ist dem etwas Merkwürdiges vorausgegangen: Seine Eltern Inge und Walter hatten ihn ins heimische Gera bestellt, damit er ihren hastigen und heimlichen Aufbruch nach Westdeutschland unterstütze. Als einziger Mitwisser wird er sie zur Grenze fahren und den Autoschlüssel des Shi- guli an sich nehmen, um "zuhause" die Stellung zu halten.

Doch was heißt das noch, Zuhause, wenn es die Eltern sind, die das Elternhaus verlassen? In der Verstörung der getauschten Rollen bricht auch Carl auf - im Shiguli, jenem mobil gewordenen "Restzuhause", das nun auf ihn übergegangen ist. Für die jungen Hausbesetzer in Berlin, wo er halbkrank und fiebernd strandet, ist er von da an der "Shigulimann", der dank seiner Maurerfertigkeiten im Keller eines der hundertjährigen Gründerzeithäuser die Grundfesten der "Assel" errichten wird, die dann eine Zeit lang das innere Zentrum und die Schaltzentrale der jungen Idealisten bilden wird.

Gedichte- & Mauerbau

Aber Carl ist auch, wie Ed in "Kruso", ein Poet; einer, dem das Leben ständig Worte und Gedanken einflüstert und der an Gedichten und an Grundmauern herumbaut, um den Raum jenes "poetischen Daseins" zu schaffen, von dem er träumt.

Dass Ed und Kruso tatsächlich in "Stern 111" noch einmal einen Auftritt haben und Ed sich als alter Schulkollege von Carl erweist, gehört nicht zu den stärksten Elementen des Buches. Wie es Seiler aber vermocht hat, ausgehend vom "authentischen Ausgangspunkt" der persönlichen Erfahrung ein dichtes Textgewebe zu schaffen, das der Komplexität dieser "Unterwelt" der jungen Rebellen im Prenzlauer Berg Gestalt gibt, nicht zuletzt ihrer dringenden Sehnsucht, eine bessere Zukunft zu bauen, ist eindrucksvoll. Detailreich und liebevoll wird das "kluge Rudel", wie es im Buch heißt, dargestellt; in ihrer Mitte Carl, der sich bald als einer von ihnen durch die vielen leerstehenden Wohnungen gräbt, für seine große Liebe Effi und ihr kleines Kind die schönste Bleibe finden und sich der Solidarität würdig erweisen möchte, die die vom "Hirten" angeführte Gemeinschaft vertrauensvoll nun auch ihm entgegenbringt.

"Im Rückblick sieht man ja nicht nur, wie schnell damals eine Zäsur auf die andere folgte, Mauerfall, Währungsunion, das ,richtige‘ Geld, die deutsche Einheit", sagt Seiler im Gespräch, "ich sehe auch heute erst so richtig, wie exotisch, wie dunkel auch dies Leben war, das wir damals führten, fast ein Nachkriegsszenario. Es war eine Szenerie des Verfalls, die für uns aber golden glänzte."

Sie glänzt nun, in poetischer Gestalt, in "Stern 111" - Zukunftshoffnung in jenem historischen Moment, in dem "die Nachkriegszeit endgültig zu Ende ging".

Was bedeutet diese neue Zeit? Was ging verloren? Und ist das, was man gewinnen kann, überhaupt etwas, das man schon kennt? Dass dieselben Fragen in ganz anderen Ecken Deutschlands auch Carls Eltern umtreiben - und umhertreiben -, verleiht dem Roman Spannung und, je länger desto mehr, seine innere Ausrichtung. Das "Elternrätsel" und mit ihm der "Stern 111" leuchten geheimnisvoll bis zum überraschenden Schluss.

"Es geht darum, über sich selbst zu entscheiden", sagt Lutz Seiler, der selbst den Prenzlauer Berg 1994 - "und dann sehr vehement" - verließ. Dass er nun diesen kaum mehr auffindbaren Zeiten und Orten, und damit auch der Frage, was Freiheit ist und sein kann, ein Romanzuhause geschaffen hat, ist großartig.