Präzise Diktion: Walter Toman (1920-2003). - © ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com
Präzise Diktion: Walter Toman (1920-2003). - © ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com

Eines schönen Sommertages geschieht, was noch niemals geschah: Auf der Donau wird ein Eisberg gesichtet. Er hat die Höhe des Wiener Stephansdoms und schimmert bläulich weiß in der Sonne. Wenige Kilometer vor Spitz an der Donau erscheint er mit einem Mal, ohne Vorwarnung am Horizont und treibt langsam, doch unaufhaltsam stromabwärts.

Die Bürger von Spitz, in Panik geraten, rücken ihm mit Flammenwerfern zu Leibe, die Kremser errichten eilends eine Barrikade, um ihre Brücke zu schützen, die Tullner attackieren ihn zunächst mit Granaten und versuchen sodann, ihn seitlich, von mehreren Booten aus anzubohren - doch sind alle diese Aktionen vergebens. Der Eisberg hält sämtlichen Angriffen stand, sendet grimmig Hagelkörner aus und hüllt sein Haupt in eine Wolke aus Schnee. Unter seiner Wucht zerbrechen alle Brücken. Wer sich zu nahe an ihn heranwagt, erfriert und ertrinkt in der eiskalten Flut.

Es kommt, was nicht zu vermeiden ist: Die Staatsgewalt schreitet gegen ihn ein. Am Korneuburger Knie wird aus vier alten, mit Schotter angefüllten Schleppkähnen eine Sperre errichtet, das Militär bemannt einen Panzerkreuzer und sendet ihn mit Schießbefehl die Donau stromaufwärts. Scharen von Schaulustigen und Schlachtenbummlern versammeln sich an beiden Ufern, Geschäftemacher treten auf den Plan, die Gemeinde Wien erklärt den Eisberg zu ihrem Eigentum und verkauft Anteile daran an den Höchstbietenden.

In der Hauptstadt rüstet man sich unterdessen für das Kommende, schafft Holz für Notbrücken herbei und errichtet provisorische Zuschauertribünen zu beiden Seiten der Donau. Der Eisberg lässt denn auch nicht lange auf sich warten. Nachdem er alle Hindernisse überwunden hat - die Sperre am Korneuburger Knie hält ihm nicht stand, der Panzerkreuzer läuft, kaum dass er ihn gerammt hat, auf Grund -, driftet er ungehindert in Richtung Wien.

Fiktive Chronik

"Kurz vor halb zwölf Uhr", so berichtet die Chronik, "kam der Eiskoloß zwischen Leopoldsberg und Bisamberg bei strahlendem Wetter in Sicht. Um halb eins schob er die Nordbahnbrücke aus den Angeln und hatte sie unter sich begraben, noch ehe er die nächste Brücke, die Floridsdorfer Brücke, erreichte. Kurz vor ein Uhr stieß er an der Reichsbrücke an, stand zwei Sekunden still und nahm sie dann mit, begleitet von einem vieltausendstimmigen Seufzer der Zuschauer, der fast wie eine Erleichterung klang."

Nachdem der wandernde Eisberg ungehindert Wien passiert hat, zieht er weiter donauabwärts, löst sich aber, kaum dass er das österreichische Territorium verlässt, in Luft auf. Bratislava bleibt verschont, die Slowakei atmet auf.

Dieses bizarre Szenario stammt nicht, wie man etwa vermuten möchte, aus unseren Tagen, sondern wurde bereits vor einem Menschenalter entworfen. "Busse’s Welttheater" heißt das Buch, in dem die fiktive Chronik vom wundersamen austriakischen Eisberg zu finden ist. Mit dieser Sammlung von Kurzgeschichten und Miniaturen empfahl sich 1952 Walter Toman, ein junger Wiener Autor aus der Generation von Ingeborg Bachmann und Hertha Kräftner, der bis dahin vor allem als Lyriker von sich reden gemacht hatte, erstmals auch als Verfasser erzählender Prosa einer breiteren Öffentlichkeit.

Der schmale Band, der auf Emp- fehlung Heimito von Doderers in dessen Stammverlag (Biederstein, München) erschien, ist alles andere als biedere Nachkriegskost. Zwar enthält er, durchaus typisch für seine Entstehungszeit, Parabeln auf die Ordnung der Welt (wie etwa jene vom Zinshaus, dessen Parteien zu Kriegsparteien werden, Eroberungsfeldzüge gegen ihre Nachbarn führen, ihnen handstreichartig einzelne Zimmer entreißen, Nichtangriffspakte und Bündnisse schließen - und dies so lange treiben, bis das Haus vollständig unterminiert ist und nur noch ein Knopfdruck genügt, um es in die Luft zu sprengen), doch ist die überwiegende Zahl der insgesamt 21 Texte aus anderem, dichterem und beständigerem Stoff.

Da finden sich albtraumhafte Schreckensvisionen, komprimiert auf einige wenige Seiten, daneben aber auch eine Reihe federleichter Skizzen und Monologe, die das bürgerliche Leben mit all seinen erstarrten Konventionen ins Skurrile und Groteske übersteigern, Kabinettstücke eines verzweifelt absurden Humors.

Die Erzählerfiguren des am 15. März 1920 geborenen Walter Toman, seien sie nun namenlose Chronisten wie in der eingangs zitierten Geschichte vom Eisberg oder seien sie die traurigen Helden der Handlung, die meist nicht wissen, wie ihnen geschieht, kennen weder Klage noch Anklage; sie lamentieren nicht, sie registrieren. Unaufgeregt, in völliger Gelassenheit, berichten sie Ungeheuerliches: von Menschenschwärmen, die auf Signal gehorchen, von Tieren, die menschlichen Ehrgeiz beweisen, von Urlaubs- und Postkartenlandschaften, die sich bei näherem Hinsehen als Topographien des Grauens entpuppen, von einer Welt, die aus den Fugen geraten ist und sich dennoch weiterdreht, mit der unerbittlichen Logik einer Maschine, vom Leerlauf zwischenmenschlicher Beziehungen, vom Abgrund, der sich mitten im Alltäglichen auftut.

"Busse’s Welttheater" bezeichnet den Scheitelpunkt, zugleich aber auch den Endpunkt einer poetischen Entwicklung, die Toman innerhalb weniger Jahre durchlief. Am Anfang seines Schreibens stand die lyrische Klage um die Toten des Krieges, um die Opfer der totalitären Diktatur.

Zwar wurde das Regime beseitigt, die Verheerungen jedoch, die es hinterließ, erscheinen irreparabel: "Tot ist der Mord./ Er liegt mit dem Schutt / auf jeder Stadt. Und liegt auf der Seele dir./ Nur sind die Städte auch schon gestorben, / die Städte und die Seelen./ Und nur die Stellen, wo sie gewesen sind,/ wo sie nicht mehr sind,/ die deckt der Schutt./ Erschlagen hat der Mord die Städte,/ erschlagen die Seelen./ Er selber aber, er ist an Schwäche / gestorben", heißt es in dem Gedicht "Kriegsende", dessen Verse widerlegen, was sein Titel verheißt: dass nun alles überstanden sei und man bei null beginnen könne.

Fachpublikationen

Eine radikale Absage an all jene, die ihr Heil im Vergessen suchen, im unbeirrten Blick nach vorne, findet sich bereits in der frühesten Veröffentlichung des Autors, einem unbetitelten Gedicht, das den Lesern mit dem Pathos jugendlicher Empörung das Elend der Kriegsversehrten in drastischen Bildern vor Augen führt:

"Hier gibt es kein Wort. / Hier pulst/ das unentwegte Denkmal des Krieges./ Hier gibt es keine Narben./ Hier heilt nichts zu./ Nur Stummel gibt es. Klaffende Schädel nur./ In diese Massenversammlung wirst du geholt./ Heute. Morgen. Und immer./ Dorthin wirst du geholt, wenn du meinst,/ das Leben geht weiter in den engen Stuben,/ unter den blinzelnden Lampen./ Dorthin wirst du geholt, wenn du leise glaubst,/ der Krieg ist aus."

Diese Verse stehen am Eingang einer Anthologie, die unter dem Titel "Das tägliche Bemühen" schon im ersten Jahr nach Kriegsende erschien und Gedichte österreichischer Hochschülerinnen und Hochschüler versammelt. Blättert man heute in dem schmucklosen, mit einem Geleitwort des damaligen Rektors der Uni Wien, Ludwig Adamovich senior, versehenen Band, so begegnet man über weite Strecken Namen, die heute vergessen sind.

Nur wenige von den Beiträgern dieser Anthologie blieben in der einen oder anderen Form dem literarischen Handwerk verbunden, so Erika Danneberg, die später in Wien als Psychoanalytikerin, aber auch als literarische Übersetzerin wirkte, Hans Heinz Hahnl, Autor zahlreicher Romane und Kulturredakteur der "Arbeiter-Zeitung" (sein Kürzel "hhh" war allen Lesern des Blattes geläufig), Dolf Linder, Autor historischer Sachbücher und später lange Jahre Redakteur beim ORF, und schließlich Walter Toman, der streng genommen in dieser Sammlung gar nicht hätte zu Wort kommen dürfen, war er doch zum Zeitpunkt ihres Erscheinens längst kein Student mehr, sondern bereits Assistent von Hubert Rohracher amInstitut für Psychologie.

In den Jahren des Wiederaufbaus machte Toman rasch Karriere, profilierte sich früh mit Fachpublikationen und wechselte 1951 schließlich in die USA. An die hiesigen hierarchischen Umgangsformen gewöhnt, empfand er das dortige Hochschulklima als anregend und befreiend: "Die Autorität der Person oder des Amtes per se schien es nicht zu geben", wird er später in einer autobiographischen Rückschau erzählen. "Der wissenschaftliche Lehrer, auch einer mit großem Namen, war zugänglich und menschlich. An den Universitäten brauchte man bei ihm oft nicht einmal anzuklopfen. Seine Türe war geöffnet."

Fantasy-Literatur

Dennoch zog es Toman und seine Familie wieder zurück nach Eu-ropa. 1962, inzwischen selbst ein namhafter Vertreter seines Faches, nahm er einen Ruf der Universität Erlangen-Nürnberg an und wirkte dort bis zu seiner Emeritierung. Tomans Abschied aus der literarischen Arena markiert der Kurzroman "Das Dorf mit dem Drachen", ein rares Exemplar österreichischer Fantasy-Literatur. Erschienen 1959 im kleinen Wiener Bergland Verlag, in der von Rudolf Felmayer herausgegebenen Kleinbuchreihe "Neue Dichtung aus Österreich", fand er nur wenig Beachtung. Zwar folgten bis herauf in die 1980er Jahre immer wieder literarische Nachzügler - kleinere Erzählungen in Periodika wie"Literatur und Kritik" oder den "protokollen" -, die Kontinuität der literarischen Produktion jedoch war unterbrochen.

Ein Schreibender freilich ist Walter Toman bis zu seinem Tod im Jahr 2003 geblieben, ein Grenzgänger zwischen wissenschaftlicher und belletristischer Prosa. Von Anfang an profitierten seine Erzählungen von seinem analytischen Blick und seiner an der experimentellen Beobachtung und der Fallstudie geschulten, präzisen Diktion, umgekehrt lieh in späteren Jahren wiederholt der Erzähler dem Fachmann die Feder, wenn es galt, Erfahrungen aus der psychotherapeutischen Praxis einem breiten Publikum mitzuteilen, wie Toman dies, schon als Emeritus, in seinen Bänden "Notrufe" und "Psychotherapie im Alltag. Vierzehn Episoden" versuchte.

Dass neben der Fülle viel gelesener wissenschaftlicher Publikationen - allen voran das bis heute immer wieder neu aufgelegte Buch "Familienkonstellationen" - das poetische Werk nicht in Vergessenheit geriet, ist vor allem das Verdienst der Germanistin Evelyne Polt-Heinzl. Unter dem schönen Titel "Heilsame Abstände" gab sie noch zu Tomans Lebzeiten und in Abstimmung mit ihm eine repräsentative Auswahl seiner Geschichten heraus. Zu einer Zeit, als hierzulande wieder erzählt wurde, war dies eine willkommene Einladung, einen der originellsten und radikalsten Erzähler der österreichischen Nachkriegsliteratur neu zu entdecken - eine Einladung, der immer wieder aufs Neue Folge zu leisten sich lohnt.