"Wiener Zeitung": Der Titel Ihrer Hölderlin-Biographie, die auch sein intellektuelles Umfeld beleuchtet, lautet: "Komm! ins Offene, Freund!" Wie ist dieses Offene zu verstehen?

Rüdiger Safranski: Das Offene ist für Hölderlin die Luft zum Atmen, das Freie, auch die Öffnung hin zur Transzendenz, zum Göttlichen, was eine freie Sicht, eine voluminöse Erfahrung ermöglicht. Das alles ist das Offene, deswegen ist dieser Ausdruck bei ihm emphatisch, verheißungsvoll. Das Offene ist fast etwas Utopisches. Aber ich habe den Titel auch als Aufforderung an mich selbst gewählt, Hölderlin nicht im Dickicht der Interpretationen verschwinden zu lassen. Das Pro-blem ist ja, dass er vom normalen Publikum kaum gelesen wird, aber die Philologie hat sich über ihn geworfen. Deswegen hatte ich das Gefühl, dass es notwendig ist, ihn aus diesem Gespinst herauszuholen.

"Göttliches Feuer auch treibet, bei Tag und bei Nacht", heißt es in Hölderlins Elegie "Brod und Wein". Was aber ist das Feuer, das Hölderlins Leben und Poesie antrieb?

Wenn man sich die ganze Szene anschaut, in der Hölderlin um 1800 gewirkt hat - mit Goethe, Schiller und der Romantik -, kann man sagen, dass alle Bewunderer der klassischen Antike waren, sowohl der antiken Literatur als auch der philosophischen Projekte. Alle waren fasziniert, alle folgten den Spuren von Winckelmann, der dieser Bewunderung starken Ausdruck verliehen hat. Alle entwickelten ein künstlerisches Verhältnis zu dieser Antike, bis auf Hölderlin. Er war vielleicht der Einzige, der ein religiöses Verhältnis zur Antike hatte. Er glaubte nicht in einer naiven Weise an die antiken Götter, sondern an das Göttliche, wie es in der Antike dargestellt und poetisch ausgedrückt wurde, zum Beispiel in der Mythologie. Das ist das göttliche Feuer, das Hölderlin antreibt.

Dieses göttliche Feuer verspürte Hölderlin in Ansätzen bereits im Tübinger Stift, wo er mit Hegel und Schelling das Projekt eines gemeinsamen Philosophierens entfaltete. Was war die wesentliche zentrale Intention dieser "Symphilosophie"?

Dieser Freundschaftsbund hatte einen philosophischen Höhenflug, zu einem Zeitpunkt, in dem die Philosophie nach Kant insgesamt im Aufbruch war. Im Rückblick sind das Turbulenzen im Deutschen Idealismus, die auch emotional ausgekostet wurden. Das war eine Philosophie, die aus dem strengen Flussbett, das Kant der methodischen Philosophie zuwies, ausbrechen wollte. Sie wollten auch aus dem Stift ausbrechen, aus der vom Pietismus geprägten kirchlichen Gläubigkeit des Protestantismus. Sie wollten "das geheime Reich Gottes gründen", einen Bund der Liebe stiften. Sie entdeckten das Christentum für sich selbst als eine gemeinschaftsstiftende Liebesreli-gion, als eine innige Verknüpfung von Seelenverwandten.

Diese Liebesreligion steht im krassen Gegensatz zum deutschen Philister, den Hölderlin so beschreibt: "Barbaren von alters her, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls". Wie beurteilen Sie diese sogenannte Scheltrede?

In meinem Verständnis wird das ein bisschen übertrieben, als seien die Verhältnisse in Deutschland besonderes prosaisch gewesen. In dieser Scheltrede auf die Deutschen wird das Prinzip der bürgerlichen Arbeitsteilung, die Bürgerlichkeit überhaupt angegriffen, auch das A-Religiöse in den normalen Arbeitsvollzügen - das alles kritisiert Hölderlin von einem ekstatischen Standpunkt, aber das ist nichts speziell Deutsches, das ist das Wirklichkeitsprinzip der damaligen Welt - bis zur Gegenwart. Das ist ein prinzipieller Gegensatz zwischen dem eindimensionalen bürgerlichen Denken und einer Erfahrung von tief empfundener Religiosität und Transzendenz.

Was ist unter Hölderlins emphatischer Huldigung des Göttlichen zu verstehen?

Wenn Hölderlin vom Göttlichen spricht, spricht er über Erfahrungen, die das Alltagsleben überschreiten. Das kann in der Liebe sein, in der Freundschaft, in gesellschaftlichen Aktionen oder durch ein intensives Naturerlebnis erfolgen. Wenn so etwas in einer besonders gesteigerten Qualität im wirklichen Leben geschieht, hat man das Gefühl, ein Teil des Ewigen zu sein. Seine ekstatischen Erfahrungen mit dem Religiösen, mit dem Dionysischen stehen immer in einem Gegensatz zu dem Gewöhnlichen, zur prosaischen alltäglichen Wirklichkeit, zu dem, was man das Realitätsprinzip nennen könnte.

Die Erfahrung mit dem Göttlichen hat Hölderlin auch bewogen, sich von der Philosophie zurückzuziehen, er empfand sie "als eine Tyrannin, deren Zwang er nicht mehr duldet". Wie begründete er diesen Ablösungsprozess?

Das Großartige bei Hölderlin ist, dass er seine Art von Religiosität in einem ganz innigen Zusammenhang mit der Poesie gesehen hat. Es war für Hölderlin eine wesentliche Einsicht, als er begriff, dass er sich von der Philosophie emanzipieren müsse, um ganz für die Poesie frei zu sein. Er war überzeugt, dass die Poesie einen besseren Zugang zu dem hat, wo-rauf es ihm eigentlich ankam - nämlich den Zugang zu einem Sein zu eröffnen, zu einem uns alle tragenden Sein, das wir eigentlich gar nicht richtig denken, aber erfahren können. Das poetische Sprechen, aber auch die poetische Weltwahrnehmung war für ihn ein Organ, sich zu öffnen, bestimmte Erfahrungen mitzuteilen und dadurch zu teilen. Das ist ein transzendierender Schritt, der über eine methodologisch reglementierende Erfahrung hinausgeht.

Sie haben erwähnt, dass es für den im Alltagsleben verankerten Menschen schwierig sei, den Höhenflügen Hölderlins zu folgen. Sehen Sie Möglichkeiten, dass dies doch geschehen kann?

Wir tun immer so, dass das, was wir eine metaphysische Erfahrung nennen, etwas ganz Fremdes, Spekulatives sei. Aber jeder hat die Erfahrungen, die man nicht zureichend in Gedanken und Worten ausdrücken kann. Und dann gibt es Personen wie Hölderlin, die ein besonderes Talent haben, diese grenzüberschreitenden Erfahrungen zu artikulieren, sei es in der Kunst, sei es im Denken. Sie vermitteln den Rezipienten das Gefühl der Befreiung; es wird weiter, man kommt ins Offene.

Einen Gegensatz, der Hölderlin zeit seines Lebens beschäftigte, hat er mit "höchster Einfalt - höchste Bildung" beschrieben. Was ist darunter zu verstehen?

Die Einfalt ist charakteristisch für unsere Kindheit. Hier sind wir noch im Zentrum, im Zustand einer vollkommenen Übereinstimmung mit uns selbst. Dann erwacht das Bewusstsein, die Reflexion, die Distanz, das Sich-selbst-Fremdwerden in Form des Erwachsenenlebens, das Sich-selbst Gegenübertreten. Dann taucht die entscheidende Frage auf: Komme ich durch die Reflexion und das Mir-selbst-Fremdwerden - also auf diesem Umweg, der auf einem höheren Niveau erfolgt - wieder zu dieser Unschuld der Kindheit zurück oder bleibe ich ein Fremder? Die verlorene Einheit wiederzufinden, das nannte Hölderlin "die höhere Aufklärung, welche den Widerstreit zwischen dem Subjekt und dem Objekt, zwischen unserem Selbst und der Welt zu schlichten vermag".

"Die höhere Aufklärung" hängt eng mit Hölderlins Definition von Schönheit zusammen. Worin besteht dieser Zusammenhang?

Schönheit ist, wenn die Schlichtheit und Anmut und die ursprüngliche Naivität auf höherem Niveau wiederkehren und erhalten bleiben, dann ist das schön. So empfand Hölderlin die griechischen Figuren sowohl im Drama als auch in der Plastik. Aber die Einfachheit verdeckte einen Abgrund an Weisheit, Erfahrung und Denken. Das hat ihn immer fasziniert: die Schlichtheit, verbunden mit einer Phantasie anregenden Abgründigkeit. In dieser Spannung erlebt er das.

Das Abgründige hat Hölderlin auch in der Form des Scheiterns erlebt. Wie verstehen Sie dieses Scheitern?

Das hat damit zu tun, dass das von Hölderlin bezeichnete Göttliche etwas Momentanes ist, das plötzlich eintritt. Diese Augenblicke gehen vorbei und dann kommt die Routine des Alltäglichen. Hölderlin hat diesen abrupten Wechsel in seinen Briefen beschrieben. Kaum kam er in Berührung mit dem Göttlichen, war es zu Ende und es folgte der Absturz in den grauen Alltag. Für ihn war das wie eine Begegnung mit dem Nichts, mit dem Grauen, nachdem er diese Intensitäten, diese Transgressionen erlebt hatte. Es blieb nur die Hoffnung, dass wieder so ein Augenblick kommt, also insofern gehört das Scheitern, das Vergehen solcher Augenblicke zu dieser Art der Erfahrung.

Welche Empfehlung würden Sie als Biograph Hölderlins dem Lesepublikum geben wollen?

Man muss Hölderlin einen Vorschuss an Liebe gönnen. Das tun die Wenigsten. Heutige Leser fühlen sich von seinen Schriften zurückgestoßen. Man muss diese Schwelle überwinden - und dann wird sein Werk auch zugänglich. Mir ist bei keinem anderen Autor so klar geworden wie bei Hölderlin, dass man ihn lieben muss, damit er sich einem erschließt. Er springt einen nicht an. Vielmehr sollte man mit ihm Geduld haben - dafür wird man belohnt.