Mittlerweile reagiert auch der heimische Buchmarkt auf den Ausbruch des Coronavirus. Auf Amazon rangieren zwar immer noch Oster-Bastelbücher, Liebesromane und Intervallfasten-Ratgeber an erster Stelle. Aber vielleicht wurden ja so viele davon vor der Corona-Pandemie gekauft, dass es einige Zeit braucht, um das Bild zu ändern.

In Italien nämlich ist "Die Pest" von Albert Camus unter den Büchern, die auf Amazon am häufigsten bewertet werden. Auch in Frankreich ist der Verkauf des Romans deutlich gestiegen. Und auch das Börsenblatt des deutschen Buchhandels meldet eine starke Nachfrage.

Was bringt die Leser dazu, nicht etwa Eskapistisches zu konsumieren, nicht Rosamunde Pilcher, Agatha Christie oder Georges Simenon zur Hand zu nehmen, sondern Literatur, die sich genau damit auseinandersetzt, was jeder derzeit im eigenen Leben erfährt?

Hauptthemen der Literatur waren schon bisher Liebe und Tod, oft das eine mit dem anderen verbunden. Und zwar, weil Literatur immer wieder darauf abzielt, gerade die Extreme des Erlebens zu gestalten. Schließlich soll die Geschichte von Belang sein und einen Umfang von 30 bis ein paar 100 Seiten rechtfertigen.

Trost und Anleitung

Hoffen die Leser auf Trost in solcher Seuchen-Literatur? Immerhin gehen die Erzählungen in der Regel nicht für alle schlecht aus. Oder suchen die Leser ein Beispiel, wie man mit einer Krise zurechtkommt? Das vermutet Béatrice Lacoste, Mitarbeiterin des französischen Verlags Gallimard, in  dem Camus‘ "La Peste" erschienen ist.

Seuchen sind wiederholt der Hintergrund für Erzählungen gewesen. Naturgemäß spielt die Pest die bedeutendste Rolle. Sie hat sich ja - zumindest bis jetzt - am tiefsten in das Menschheitsgedächtnis gegraben. In Camus‘ Roman steht der zentrale Satz: "Heimsuchungen gehen tatsächlich alle Menschen gleich an, aber es ist schwer, an sie zu glauben, wenn sie über einen hereinbrechen."

Camus schildert den Verlauf der Pestseuche in Oran, einer Stadt an der algerischen Küste, aus der Sicht der Hauptfigur Dr. Bernard Rieux. Die Pest wird zum gemeinsamen Feind der gesamten Bevölkerung. Jeder nimmt den Kampf auf. Das Absurde deckt sich mit der Realität, denn an der Pest sterben Schuldige wie Unschuldige gleichermaßen.

Seuche des Nationalsozialismus

Aber geht es Camus überhaupt um die Seuche? Lesen kann man den Roman durchaus so: Als eine Erzählung, wie Menschen auf eine nicht beherrschbare Katastrophe reagieren. Durchgesetzt hat sich aber die Interpretation, "La peste" sei ein Buch des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, den Camus durch die Seuche symbolisiert. Das Erscheinungsjahr 1947 legt diese Deutung nahe.

Charakteristischerweise wählt der Komponist Roberto Gerhard (1896-1970) den Text von Camus als Grundlage für sein monumentales Werk "The Plague". Der spanische Arnold-Schönberg-Schüler war vor dem spanischen Bürgerkrieg und der drohenden Machtübernahme durch General Francisco Franco nach England geflohen.

Die Pest ganz ohne symbolische Bedeutung gibt indessen den Hintergrund für eines der bedeutendsten Werke der Literaturgeschichte ab, für das "Decamerone" von Giovanni Boccaccio (1313-1375).

In den meisten Erzählungen dieser Zeit konstruiert der Autor konstruiert einen Rahmen, innerhalb dessen mehrere Personen einen Grund haben, einander mit Geschichten zu unterhalten – und was sie erzählen, schreibt der Autor auf. Er erzählt gleichsam Erzähltes. Beim Engländer Geoffrey Chaucer (1343-1400) sind es Pilger auf dem Weg nach Canterbury ("The Canterbury Tales"), in Giambattista Basiles (1575-1632) "Pentamerone" wird im Laufe mancher Verwicklungen eine Sklavin von üblem Charakter süchtig nach Märchen, die man ihr erzählt, um sie von bösen Taten abzuhalten. Auch noch in der Romantik stellen E. T. A. Hoffmann und Wilhelm Hauff ihre Geschichten in eine Rahmenhandlung.

Frivole Fantasien

Bei Boccaccio fliehen sieben Frauen und drei Männer vor der Pest, die in Florenz ausgebrochen ist, in ein Landhaus. Damit ihnen dort die Decke nicht auf den Kopf fällt, erzählt jeder täglich eine Geschichte. Zehn Tage dauert das Exil der zehn Personen, was pro Tag zehn Geschichten und durch die Fixierung auf die Zehnzahl den Titel ergibt. Die so gesammelten Novellen sind dermaßen prall gefüllt mit Spitzbübereien und drastischer Erotik, dass die Kirche damals mahnend den Finger gegen den Autor erhob.

Andere Geschichten vor dem Hintergrund einer Pestepidemie: Alessandro Manzonis (1785-1873) Roman "Die Verlobten" gilt als das bedeutendste Werk der italienischen Literatur seit Dantes "Göttlicher Komödie". Den Hintergrund der Liebesgeschichte bildet die Pestepidemie von Mailand im Jahr 1630. Viel Leid und lange Trennung zögern das glückliche Ende des Romans knapp tausend Seiten hinaus.

Die Pest-Dystopien

Der Engländer Daniel Defoe (um 1660-1731) schrieb nicht nur "Robinson Crusoe", sondern notierte auch die Begebenheiten während der Pest in London 1665 und prangert speziell Quacksalberei und Aberglauben an.

Jens Peter Jacobsens (1847-1885) Novelle "Die Pest in Bergamo" ist quasi ein Gegenmodell zu Camus: Der Däne zeigt, wie die Menschen sich zunehmend der Verrohung überlassen und die Gemeinschaft zerbricht. Die Pest überfällt ein Schiff in der alptraumhaften Erzählung "Das Schiff" des deutschen Expressionisten Georg Heym (1887–1912).

Der US-Amerikaner Edgar Allan Poe (1809-1849) lässt in "Die Maske des Roten Todes" den Prinzen Prospero dekadente Feste feiern, um sich von der grassierenden Seuche abzulenken – doch dann tritt bei einem Maskenfest der Rote Tod höchstpersönlich auf.

Auch der Engländer Beverley Cross (1931-1998) lässt sein gespenstisches Kriminalstück "Scarlet Ribbon" vor dem Hintergrund der Pest spielen. Das Drama bildet den Ausgangspunkt für die außerordentlich spannende Oper "The Mines of Sulphur" des Engländers Richard Rodney Bennett, der speziell durch seine Musik zu Sidney Lumets Film "Mord im Orientexpress" (1974) bekannt geworden ist.

Großes Aufsehen erregte der Roman "Eine Messe für die Stadt Arras" von Andrzej Szczypiorski (1924-2000), der in etwa dort anschließt, wo Jacobsen aufhört: Auch im Roman des Polen verroht die Bevölkerung während der Pestepidemie, religiöser Fanatismus gewinnt die Oberhand, es kommt zu Pogromen, weil man den Juden die Schuld an der Seuche zuschiebt. Was übrigens an den Wiener Prediger Abraham a Santa Clara erinnert, der ebenfalls die Juden für die Pestepidemie des Jahres 1679 verantwortlich machte. In ihr soll übrigens das Lied vom "lieben Augustin" entstanden sein.

Andere Autoren, andere Seuchen

Andere Autoren, andere Seuchen: Bei Philip Roth (1933-2018) in "Nemesis" ist es die Kinderlähmung, beim portugiesischen Literaturnobelpreisträger José Saramago (1922-2010) in "Die Stadt der Blinden" (1995) eine plötzliche Erblindung. In Thomas Manns "Tod in Venedig" bricht in der Lagunenstadt die Cholera aus und zwingt den Schriftsteller Gustav von Aschenbach, sich zwischen Leben und tödlichem Begehren zu entscheiden. Dem Engländer Benjamin Britten (1913-1976) gelingt es, sich in seiner Oper "Death in Venice" von der Verfilmung der  Novelle durch Luchino Visconti abzusetzen und die Seuche mit lastenden, ungesund wirkenden Klängen akustisch erfahrbar zu gestalten.

Auch etliche andere Autoren greifen zu diesen Extremen. Denn unter der Annahme des Ausnahmezustands sind ihnen die Figuren auch in möglicherweise irrationalen Handlungsweisen ausgeliefert. Solche Literatur führt freilich auch vor Augen, wie wichtig der Zusammenhalt ist, um eine Krisensituation zu bewältigen. Denn nicht zuletzt dienen die Dystopien eines Defoe, Jacobsen und Szczypiorski als Modell dafür, wie eine Gesellschaft nicht handeln soll.

Selbst wenn Camus wahrscheinlich wirklich weniger die Pest meinte als vielmehr den Nationalsozialismus: Ausnahmsweise sollte man seinen Roman schlicht als Plädoyer für Solidarität lesen. Die richtigen Schlüsse für die aktuelle Situation kann jeder selbst ziehen.

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