Ernst, aber nicht immer hoffnungslos steht es um Ana Schnabls Figuren. - © Matej Pušnik
Ernst, aber nicht immer hoffnungslos steht es um Ana Schnabls Figuren. - © Matej Pušnik

Eine junge Frau wartet in einer Apotheke in der Schlange, ein sorgfältig gefaltetes Rezept in der Hand. Fünfzehn Kunden stehen vor ihr, dann vierzehn, dreizehn... Ungeduldig zählt sie mit. In der Schiebetür ihr Spiegelbild: Die Haare glänzen fettig und eine Strähne schmiegt sich in ihre feuchte Achselhöhle.

Einmal hässlich, immer hässlich, denkt sie, daher hat sie, wie um sich zu bestrafen, "die Zurschaustellung von Leidenschaft und jegliche Eitelkeit aufgegeben". Am stärksten schämt sie sich im Schwimmbad, wenn sie beim Rückenschwimmen die Haare der Bikinizone "wie Seegras hinter sich herzieht", wie eine Mitschwimmerin einmal sagte, als sie die Behaarte nicht in der Nähe vermutete - denn "die Leute denken gewöhnlich, dass ich nicht in der Nähe bin".

Die 1985 in Slowenien geborene Ana Schnabl hat in ihrem literarischen Debüt "Grün wie ich dich liebe grün" zehn unterschiedlich lange Erzählungen versammelt. Schon in der ersten, nur zehn Seiten kurzen Geschichte knüpft sie durch einen eigenwilligen, jungen Sprachstil mit einigen langen Komposita, leicht schrägem Humor und viel Einfühlungsvermögen ein emotionales Band zwischen Leser und Ich-Erzählerin.

Wenn die Protagonistin "wie ein Traktor in ihr eigenes Unglück hineinpflügt" und so die Menschen in ihrem Umfeld amüsiert, fühlt sie sich manchmal sogar wie ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft. Doch während sie in der Apotheke hinter einer "wohlbestallt" und glücklich aussehenden jungen Frau in Richtung Tresen vorrückt, verstärken sich ihre Magenschmerzen und sie sehnt sich in ihr Schneckenhaus zurück. Am Ende der Schlange wartet zwar ein Lichtblick, doch sie weiß, dass auch der nur eine Projektion sein kann.

Durch die Ich-Perspektive ist die Autorin ihren namenlosen Protagonistinnen (die meisten Erzählstimmen gehören Frauen) ganz nah. Eine verheiratete Frau verfällt einem Fremden, das leidenschaftliche Intermezzo führt zur Wiederannäherung an ihren Mann. Ein Alkoholiker erzählt die Chronik des Scheiterns seiner Ehe und stirbt vielleicht ungewollt.

In "Das Kind" kann eine Mutter ihr Neugeborenes nicht lieben, ihre Gefühle beschreibt die Autorin brutal: "Seine kurzen Glieder ragten in den Raum und wanden sich grotesk, seine Haut war fettig, blutig, ekelig. Es schrie, röchelte, atmete." Vor ihrem verliebten Mann versucht sie, ihren Widerwillen gegen das Kind zu verbergen. Beide erscheinen ihr wie Fremde, sie wandert in ihrem Haus herum "wie im Museum meines einstigen Lebens". Man ahnt, welchen Verlauf diese berührende Geschichte nehmen wird - und doch ist das Ende im Detail überraschend.

Brutalität und Härte erfolgen in Schnabls Erzählband fast zwangsläufig und beiläufig, sie gehören zum Leben dazu. Doch Schnabl steht ihren Figuren in schwierigen Momenten bei und verlässt sie in einem friedlichen Augenblick, in dem sie nicht mehr mit sich und gegen ihre Gefühle kämpfen müssen.

Die Codes des bürgerlichen Lebens und die Angst, gesellschaftliche Konventionen nicht erfüllen zu können, spielen in "Pinot gris" eine tragende Rolle. Die Erzählerin lernt am dreißigsten Geburtstag ihres Freundes dessen Juristen-Eltern kennen; schon Tage zuvor hat sie Magenbeschwerden. Der Befürchtung, den Ansprüchen der großbürgerlichen Eltern nicht gewachsen zu sein, begegnet sie, wie manch andere Erzählerin in diesem Band, mit bissiger Ironie.

Stellenweise wirkt das manieriert, manchmal steif. In der Titelstory gerät zudem die Zeitenfolge durcheinander. Zum Abschluss der Geschichten tauchen manchmal unrealistische Bilder auf, die man in dem jeweiligen Zusammenhang in Frage stellen kann. Insgesamt gelingen der Autorin jedoch einige lebenspralle, berührende Erzählungen, wie etwa "Ana", in der ein Mädchen dem rätselhaften körperlichen und psychischen Verfall ihrer lebensfrohen, schönen und allseits beliebten Zwillingsschwester lange mit Erleichterung zusieht.