Eine milchig weiße, nahezu durchscheinende Qualle vor einem tiefblauen Hintergrund – ein geheimnisvolles Wesen in einem noch viel geheimnisvolleren Ökosystem: dem Ozean. Das Bild auf dem Buchcover macht Hoffnung auf eine faszinierende Lese-Entdeckungsreise durch die Weltmeere, um deren wundersame Bewohner kennenzulernen. Doch schon beim Überfliegen des Inhaltsverzeichnisses kommt dem interessierten Leser ein erster Verdacht, dass diese Reise vermutlich in etwas andere Gefilde führen wird, als der Titel verspricht. Denn was suggeriert "Das große tiefe Blau. Von Yeti-Krabben, leuchtenden Medusen und anderen Geheimnissen des Meeres"? Genau das: Beschreibungen von unterseeischen Entdeckungen, die hoffentlich bildhaft und ausführlich sind, denn Bilder sind rar in Alex Rogers erstem Buch.

Da hätte einen der englische Originaltitel "The Deep: The Hidden Wonders of Our Oceans and How We Can Protect Them" wohl schon eher auf die richtige Spur geführt: Der britische Meeresbiologe, der auf die Ökosysteme der Tiefsee spezialisiert ist, will den Menschen nahebringen, was denn das ist, was mehr als 70 Prozent der Erdoberfläche bedeckt, welch fragiles Ökosystem die Meere sind, welche Bedeutung sie für uns haben, was wir ihnen schon angetan haben und was wir gegen ihre weitere Zerstörung tun können. Ein umfangreiches Unterfangen und ein hehres Ziel, das er sich da gesetzt hat, denn wie er gleich am Anfang feststellt, scheinen das Universum, die Planeten und Astronauten in ihren Raumanzügen und mit ihren unbeholfenen Schritten auf dem Mond eine weitaus größere Faszination auf die Menschen auszuüben als die Ozeane: Immerhin waren schon zwölf Astronauten auf dem Erdtrabanten, aber nur drei Taucher an einer der tiefsten Stellen der Weltmeere, dem Challengertief im westpazifischen Marianengraben. Rogers weist auch darauf hin, dass jährlich Milliardenbeträge in die Erforschung des Alls fließen, doch wer eine Forschungsexpedition in eines der Weltmeere aufstellen will, muss bitten und betteln. Der Ozeanologe hat es jedenfalls geschafft, etliche zu organisieren und an vielen teilzunehmen und was er dabei erlebt hat, schildert er nun erstmals. Er macht es klug, denn jede seiner Expeditionen hatte ein bestimmtes Forschungsziel und anhand dessen erzählt er über die Bedingungen während seiner Reise, die vorgefundenen Ökosysteme in Form von Tiefseebergen oder Schluchten mit ihren spezifischen Bewohnern, von denen viele bislang unbekannt waren, und von Gegebenheiten, die ihn zutiefst betroffen gemacht haben. Für jedes dieser Kapitel ist ein Tier charakteristisch, etwa die Yeti-Krabbe für die Hydrothermalquellen im Südpolarmeer, die riffbildende Tiefseekoralle Lophelia pertusa für die Tiefseegärten vor der Westküste Schottlands, der Kaiserbarsch für die Auswirkungen der Tiefseefischerei in den unterseeischen Bergen des Südwestindischen Rückens zwischen Madagaskar und der Antarktis oder die Amöbe Gromia sphaerica für die immer größer werdende Zahl an sauerstoffarmen Zonen im Nordwestindischen Ozean vor dem Oman.

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Es ist eine emotionale Berg- und Talfahrt für den Leser, denn er wird hin- und hergerissen zwischen tiefer Betroffenheit, ja Hoffnungslosigkeit angesichts der geschilderten Zerstörung im Namen von Profit, der Uneinsichtigkeit von Politik und Industrie und der erschreckenden Tatsache, dass es angesichts dessen, was wir alles nicht über die Weltmeere wissen, so schwer ist zu argumentieren, und den schönen, hoffnungsvollen Momenten, wenn Rogers den Delfinen und Walen zuschaut, die Biolumineszenz beobachtet, ein neues Lebewesen entdeckt oder den Beweis erbringen kann, dass die Hydrothermalquellen zwar herausfordernd, aber keineswegs lebensfeindlich sind.

Dass so manches Geschilderte gelegentlich zu persönlich und dem Fortgang des Buches nicht unbedingt dienlich ist, dass es Längen gibt oder manche Sätze nahezu kindlich wirken in diesem wissenschaftlichen Thema, mag stören. Doch der Autor versteht es immer wieder, einen in seine Welt zu ziehen, tief in den Ozean, zu den Röhrenwürmern, Quallen, Fischen und Schildkröten, in Schluchten und an die Hänge der Tiefseeberge mit ihren Korallenriffen. Und am Ende des Buches haben wir viel gelernt über das Element, ohne das wir alle nicht existieren würden. Und ohne das wir auch in Zukunft nicht existieren können. Wie sagt Rogers am Schluss: "Nichts ist so wie der Ozean. Er kann uns Augenblicke schenken, die einen von einer zur anderen Sekunde umreißen und unser Leben für immer verändern. (…) Wir dürfen den Ozean nicht sterben lassen." Dem ist nichts hinzuzufügen…

Zur Person

Alex Rogers ist Meeresbiologe, Professor für Conservation Biology in Oxford und einer der international bedeutendsten Ozeanforscher. Er ist Mitglied diverser Forschungsgruppen, wissenschaftlicher Direktor des Internationalen Programms zur Lage der Ozeane (IPSO) und berät die UN, Greenpeace, den WWF und die G8-Länder. Außerdem war er Berater der Serie "Der blaue Planet II".