Der englische Schriftsteller Tim Parks, Autor von Büchern wie "Italienische Verhältnisse" und "Mimis Vermächtnis", lebt seit 1981 in Italien. Er lehrt literarische Übersetzung, hat selbst mehrere zentrale Werke der italienischen Literatur nur übersetzt und befasst sich in seinen eigenen Romanen und Essays speziell mit dem Leben im gegenwärtigen Italien. Die "Wiener Zeitung" sprach mit Tim Parks zum Thema Nummer eins, der Corona-Krise.

"Wiener Zeitung": Herr Parks, Sie befinden sich in Quarantäne in Mailand. Wie ist die Situation momentan vor Ort?

Tim Parks: Ruhig und angespannt. Es sind sehr wenige Leute auf der Straße. Die Menschen versuchen, sich gegenseitig zu meiden. Viele tragen Masken. Vor den Geschäften gibt es lange Schlangen, um sich drinnen nicht zu nahe zu kommen. Viele Leute haben große Angst, sogar die Jüngeren, die ja nicht unmittelbar gefährdet sind. Zeitweise patrouillieren auch Polizeistreifen in den Straßen. Wir sind dazu angehalten, immer einen Zettel bei uns zu tragen, auf dem steht, wohin wir gehen und warum.

Wie ist die Atmosphäre insgesamt? In den Medien sah man bereits häufig Bilder von Italienern und Italienerinnen, die auf ihren Balkonen singen und musizieren: Man bekommt den Eindruck, als hätte die Bevölkerung Italiens insgesamt eine Art stimmungsmäßige "Resilienz". Teilen Sie diesen Eindruck?

Ich bin etwas skeptisch, was Aufnahmen von Menschen betrifft, die angeblich spontan auf Balkonen singen. Zweifellos gab es diese Aktionen. Und zweifellos wird so etwas in Städten wie Neapel häufiger passieren. Hier habe ich noch nichts Derartiges erlebt. Im Radio wurden die Leute aufgerufen, zu einem bestimmten Zeitpunkt die Nationalhymne zu singen. Ich habe nur wenige gesehen, die das dann tatsächlich taten. Ich persönlich finde es viel ermutigender, wenn sich Fremde in den Straßen plötzlich anlächeln. Von kulturellen Stereotypen halte ich wenig.

Wie beurteilen Sie die anfänglich viel "entspanntere" britische Herangehensweise im Vergleich zu den übrigen Staaten Europas?

Großbritannien scheint sich in seiner Politik rasch den anderen Staaten anzunähern. Zum Teil als Reaktion auf die öffentliche Nachfrage. Die Statistiken zeigen, dass gesunde Menschen unter 70 eigentlich nicht um ihr Leben fürchten müssen. Daher stellt sich natürlich die Frage, wie lange eine Gesellschaft Solidarität dem älteren und weniger gesunden Teil der Bevölkerung entgegenbringen wird. Und was die Kosten der Solidarität sind. Es handelt sich um eine komplexe moralische und soziale Frage. Wenn wir die Wirtschaft und damit das Leben vieler Menschen zerstören, entsteht eine andere Art von Schaden. Und das muss aufgewogen werden gegen die Mortalität, die wir durch das Virus sehen. Ich bin froh, dass ich nicht in der Position bin, jetzt Entscheidungen treffen zu müssen. Dennoch gibt es Fragen, die auch ich mir stelle: Warum betreffen uns die Todesopfer durch Rauchen nicht - 80.000 pro Jahr in Italien -, während wir gleichzeitig panisch auf das Virus reagieren? Ich habe einen Mann gesehen, der seine Maske abgenommen hat, um zu rauchen. Und warum tun wir so wenig gegen die globale Erwärmung, aber stoppen nun alles dafür?

Wie strukturieren Sie Ihr Leben momentan? Gehen Sie noch auf die Straße?

Wir versuchen, einmal am Tag hinauszugehen, der Supermarkt ist unsere "Entschuldigung". Irgendwie komisch, weil ich einkaufen immer gehasst habe.

Wie gestalten die Menschen rund um Sie ihren Tagesablauf?

Gestern wurden 8000 Strafen wegen "Verlassen des Hauses ohne Grund" verhängt. Es gibt Leute, die Picknicks anzeigen und Versammlungen der Polizei melden. Und es kursieren Gerüchte, dass unsere Telefone überprüft werden, um sicherzustellen, dass wir zuhause sind. Ich brauche nicht mehr zu sagen...

Sie haben viel Meditationserfahrung und waren auf vielen Retreats. Ähnelt die Situation, in der wir uns momentan befinden, dieser Erfahrung auf irgendeine Art und Weise?

Während eines Meditationsretreats lässt man sein Telefon und seinen Computer beim Eingang. Man ist dann an einem sicheren Ort, frei von allen Informationen, frei von allem, das den Geist in Aufruhr versetzen könnte. Diese Tatsache erlaubt es einem, eine Haltung der Distanzierung zu entwickeln. Das aktuelle Eingesperrtsein ist das genaue Gegenteil. Man ist isoliert zuhause, gleichzeitig checkt man andauernd alle Medienkanäle darauf, was sich Neues tut. Und die Medien selbst versuchen ständig, den Geist zu fesseln. So entsteht rasch eine Form von Sucht nach Neuigkeiten. Man könnte auch von einer Verhaftung an immer noch mehr Informationen sprechen. Das ist eine kranke Situation. Meditation bleibt eine Ressource, um Distanz von den Medien und den allgemeinen Narrativen zu bekommen. Meine Partnerin und ich meditieren jeden Morgen vor dem Frühstück.

Fühlen Sie sich nicht - natürlich unfreiwillig - ein wenig wie der Held Ihres Romans "Stille", der Journalist Cleaver, der einige Monate in völliger Abgeschiedenheit in der Südtiroler Bergwelt verbringt?

Überhaupt nicht. Das ist eine komplett andere Situation. Er hat sich freiwillig in Selbstisolation begeben, um einige Dinge im Kopf durchzuarbeiten und sich aus einer toxischen Beziehung zu lösen. Meine Partnerin und ich haben eine wunderbare Beziehung, und wir sind glücklich mit unserem Leben. Wir können dieses verlängerte Eingesperrt-Sein also nur als eine Art der Deprivation erleben, die wir natürlich freiwillig auf uns nehmen, in der Hoffnung, dass es hilft, sodass weder wir noch andere Menschen infiziert werden.

Sie haben sich viel mit veränderten Bewusstseinszuständen befasst. Bemerken Sie in dieser Krise eine Auswirkung auf sich oder die Menschen rund um Sie?

Absolut. Es ist schwer, nicht reizbar zu werden, wenn man sich eingesperrt fühlt. Daher gibt es hitzige Debatten über E-Mail und WhatsApp darüber, was weiter passieren wird. Es ist schwierig, einen Sinn für das richtige Maß zu bewahren. Man muss sich dessen bewusst sein, dass man in dieser Situation verletzlich ist. Man ist nicht sein normales Selbst. Es handelt sich zweifellos um einen veränderten Bewusstseinszustand.

Sie haben erst kürzlich einen Beziehungsroman geschrieben "Thomas and Mary". Denken Sie, dass die aktuelle Situation ein Stresstest für Beziehungen ist?

Ja, natürlich. Die Scheidungsrate ist in Wuhan in die Höhe geschossen. Auch hier erwarten die Therapeutinnen und Therapeuten Trennungen, Suizide und häusliche Gewalt. Menschen, die es nicht gewohnt sind, den Tag miteinander zu verbringen, sind nun gezwungen, den ganzen Tag beinander zu sein. Die Quarantäne hätte Thomas und Mary vielleicht geholfen, sich früher zu trennen. Aber vielleicht schaffen es manche Menschen auch tatsächlich, ihre Probleme zu lösen, wenn sie gezwungen sind, sich miteinander zu auseinanderzusetzen. Wer weiß? Es gibt bestimmt alle Arten von Dramen da draußen. Liebende, die sich nicht sehen können und bei ihren Familien gefangen sind, zum Beispiel. Die Trennungsrate wird in den kommenden Monaten bestimmt extrem hoch sein.