Marlen Haushofer veröffentlichte nach dem Krieg in Zeitungen erste Erzählungen, bis zum Bucherstling, der Novelle "Das fünfte Jahr" (1952), dauerte es aber noch ein wenig. Sie studierte zwar einige Semester Germanistik in Wien und später in Graz, ihr Lebensmittelpunkt aber blieb - trotz gelegentlicher Fluchten in die Bundeshauptstadt - Oberösterreich (Steyr), wo sie viele Jahre als Mutter, Haus- und Ehefrau gefordert war.

Haushofer war in der Literaturlandschaft kein Solitär, vielmehr sah sie sich selbst eingebettet und aufgehoben in den Romanen der anderen. Im Roman "Himmel, der nirgendwo endet" (1969), den Haushofer selbst als "Autobiografie meiner Kindheit" bezeichnet, erfahren wir von der kleinen Meta: "Das Leben ist ein schreckliches Durcheinander. Man sollte sie nicht immer so plötzlich von David trennen. Eines Tages wird sie zwischen den Buchdeckeln bleiben, und eine leere Hülle wird am Tisch sitzen." Mit David ist der Protagonist aus Charles Dickens’ berühmtem Bildungsroman "David Copperfield" (1849/1850) gemeint.

Während einer ersten Rezeptionsphase musste sie sich noch das Etikett "Frauenliteratur" gefallen lassen, und in einer zweiten Phase, als sie schon nicht mehr lebte, die mit der Wiederveröffentlichung des Romans "Die Wand" im Jahr 1983 einsetzte, waren die Kommentare abermals der Zeit geschuldet: Zum einen entdeckte die Emanzipationsbewegung im deutschsprachigen Raum ihre Autorin, zum anderen passte das Szenario einer rundum zerstörten Welt (außerhalb der Glaswand, hinter der sich als scheinbar einzige Überlebende die namenlose Protagonistin in einer weiterhin intakten Natur befindet, hat lediglich die Pflanzenwelt überlebt) hervorragend zu den Ängsten inmitten des Kalten Krieges, so wie es auch jetzt in der Corona-Krise einen jähen aktuellen Bezug erhält.

Keine Existenzialistin

Wenige Indizien sprechen dafür, dass Haushofer sich im Windschatten der Existenzialphilosophie bewegt hätte, wie das mehrfach behauptet wurde. Da war womöglich der Wunsch mehr Vater der Interpretation als die Quelle, oder wie Anna Mitgutsch im Katalog zur Ausstellung "Ich möchte wissen, wo ich hingekommen bin" im Stifter-Haus Linz 2009 festhielt: "Bei Haushofer gibt es keine wirksamen Außenseiter und Rebellen als Protagonistinnen. Es gibt daher auch keine Gegenposition zum Konformitätszwang. Gerade das garantiert den Eindruck, einen Blick in die Hölle zu werfen ohne Möglichkeit der Selbstbefreiung."

Marlen Haushofer, hier im Jahr 1962. - © Imagno/picturedesk.com
Marlen Haushofer, hier im Jahr 1962. - © Imagno/picturedesk.com

Die Opposition der Geschlechter, wie sie mit Gender Studies gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts bis tief in den akademischen Bereich untersucht wurde, will nicht so recht zur Literatur der Haushofer passen. Wo der Hass auf eine männliche Figur thematisiert wird, folgt wenig später das Bezeugen der Liebe (oder umgekehrt). Der Mann als Spezies steht kaum je zur Debatte, zumindest nicht als Feindbild - wenn schon, dann als wesensfremde Art. Patriarchat und Rollenzuteilung - in der Gesellschaft oder im kleineren Kreis der Familie - spielen zwar eine zentrale Rolle, aber nicht mit der Intention, an diesen Zuständen Kritik zu üben oder gar Veränderungen zu propagieren.

In Abgrenzung zur Wiener Gruppe, die sich Mitte der 1950er Jahre formierte, beantwortete die Schriftstellerin die Frage nach ihrer Haltung gegenüber experimenteller Dichtung so: "Jede Dichtung ist ein Experiment, von der Form oder vom Inhalt her, oder auch von beiden. Ich bin dagegen, daß man jede Fingerübung ein Experiment nennt. Ich selber bin im Lauf der Zeit zu der Erkenntnis gekommen, daß mir eine Wahrheit, die ich zu sehen glaube, wichtiger ist als jede Formfrage. Ich bemühe mich, diese Wahrheit, die natürlich nur subjektiv sein kann, so auszudrücken, daß auch meine Leser sie verstehen können, und es macht mir gar nichts aus, wenn irgendwer mich deshalb für konservativ halten sollte." (Der Auszug stammt aus einem Interview, das Dora Dunkl mit der Schriftstellerin anlässlich der Verleihung des Österreichischen Staatspreises führte und das am 6. November 1969 in den "Oberösterreichischen Nachrichten" abgedruckt wurde.)

In anderen Worten: Marlen Haushofer war eine Erzählerin. Sie wusste viel über Dramaturgie (hatte Shakespeare internalisiert), ihre Erzählanlage basierte auf alten Mustern (des Märchens, des Geschichtenerzählens), und sie war sich je länger, desto mehr den Verlockungen und Fallstricken des "Zu-Ende-Erzählens" bewusst, jener Differenz zwischen der Hoffnung auf glückliche Fügung und der realen Entsprechung - des Niedergangs, der Verheerung.

Nachweislich hat Marlen Haushofer in den Büchern Kants, Schopenhauers und Nietzsches nicht nur geblättert, sondern in und mit diesen Philosophie studiert; auf ihr Werk übersetzt, meint das: Die Pflicht sich selbst gegenüber, das Mitleid mit der Kreatur, die Furcht vor dem Menschen. Sie wusste, dass ihr Schreiben nicht dem aktuellen Trend gehorchte; und wenn man sich vergegenwärtigt, wie stark nach dem Zweiten Weltkrieg die Forderung war, alles neu und insbesondere gut zu machen, alte Konventionen samt und sonders über Bord zu werfen, so muss ihr sehr bewusst gewesen sein, dieser neuerlichen Doktrin nicht Folge geleistet zu haben, also nicht den Bedingungen einer "Trümmerliteratur" zu entsprechen.

Ian Fleming, Zeitgenosse der Haushofer und Schöpfer von James Bond, schrieb 1963 in einem Artikel: "In meinen Büchern scheint immer die Sonne - ein Umstand, der haargenau das Bedürfnis des englischen Lesers trifft und seine Stimmung hebt, weil er dadurch aus seiner trostlosen Umgebung in eine wärmere, farbenfrohere und luxuriösere Welt entführt wird." - Die Diskrepanz könnte wohl größer nicht sein. Haushofers Protagonistinnen befinden sich ausnahmslos auf der Schattenseite, ziehen ein Dasein allein in einem Raum dem Aufenthalt in der mondänen Welt vor. Die Räume sind durchaus mit Fenstern ausgestattet, die den Blick nach draußen ermöglichen; zuweilen aber werden die Scheiben trüb, und die Glaswand lässt sich nicht durchbrechen.

Ihrer Zeit voraus

Es dürfte auch kaum der Intention der Schriftstellerin entsprochen haben, die Stimmung ihrer Leserinnen und Leser zu heben - anstatt entführt zu werden, dürfte sich so mancher bei der Lektüre auf sich selbst zurückgeworfen empfunden haben. Auch das entspricht freilich einem Bedürfnis, und es geht auch nicht darum, Haushofer und Fleming gegeneinander auszuspielen. Selbst wenn hier zwei sehr unterschiedliche Welten aufeinandertreffen, so findet man auch zu diesen beiden Schreibenden Gemeinsamkeiten:

Was Haushofer in die Fiktion einbaut, die Begründung eines Sprachraums, das schuf Fleming für sich selbst, indem er jedes Jahr für mindestens zwei Monate ein spartanisch eingerichtetes Haus auf Jamaika bezog, das er eigens dafür gekauft hatte, um dort seine Bond-Abenteuer niederzuschreiben. Und eine Aussage wie: "Es gibt kaum etwas Traurigeres als den gescheiterten Versuch, einen anderen Menschen glücklich zu machen" könnte sehr wohl von Anna, der Erzählerin von "Wir töten Stella", stammen, sie findet sich allerdings in Flemings Notizbuch.

Heute, fünfzig Jahre nach ihrem Tod (am 21. März 1970), lässt sich leicht aufzeigen, dass diese Autorin ihrer Zeit voraus war. Nehmen wir als Referenz "Berge" (2019), den jüngsten Roman des norwegischen Schriftstellers Jan Kjærstad: Im Zentrum steht ein fünffacher Mord, in den Wäldern der Nordmarka, nahe bei Oslo, begangen, nacheinander erzählt aus der Perspektive einer Journalistin, des vorsitzenden Richters und des vermeintlichen Täters Nikolaj Berge. Letzterer kommt zum Schluss, dass ein Geständnis seinerseits der einzige mögliche Ausgang aus der Geschichte ist, und dies obwohl er die Tat nicht begangen hat, denn: "Es kann nicht oft genug wiederholt werden: Der Menschen Schwäche ist die Unzulänglichkeit ihrer Vorstellungskraft."

Dahinter steckt die Überzeugung, dass wir Menschen ohne plausible Geschichten beziehungsweise Erklärungen gar nicht überleben können, mit dem (Nach-)Erzählen nachgerade dieses Bedürfnis befriedigt werden muss - als notwendiges Gegenstück zum eigentlichen Wesen, das Berge so fasst: "Der Mensch ist bodenlos. Er ist bloß Rätsel auf Rätsel auf Rätsel auf Rätsel, den ganzen Weg abwärts. Wieso können wir damit nicht leben?"

Exakt in diesem Spannungsfeld befinden sich viele von Haushofers Ich-Erzählerinnen, am offensichtlichsten wohl Anna in der Novelle "Wir töten Stella" (1958). Was aber das Ringen um einen möglichen Ausgang aus der Geschichte anlangt, treten die Parallelen zu ihrem letzten Roman, "Die Mansarde" (1970), ebenso deutlich zutage.

Die Versuche des Verstehens sind bei Haushofer fast ausschließlich als novellistische Studien angelegt, als ein reflektiertes Nacherzählen in einem eigens begründeten Sprachraum. Die abgesteckten Räume muten zuweilen wie Spielfelder an, sei es eine Robinsonade unter der Glasglocke, oder sei es das Rekapitulieren eines unsanften Todes in den eigenen vier Wänden. Immer ist das dafür gewählte Personal minimal, die Figurenkonstellation leicht überschaubar, und immer sind die Handlungsräume eng begrenzt. Es erstaunt also wenig, dass von der Autorin postum drei Märchen zum Vorschein kamen (nun neu aufgelegt unter dem Titel "Der gute Bruder Ulrich").

Das Märchen rührt an unsere erste Gabe des Denkens: die Vorstellungskraft. Es dient der Entlastung - und ist zugleich Spiegel. Die dargestellte Welt ist überschaubar, alle Dinge sind beseelt, die Charaktere der Figuren selten zweideutig. Diese kindliche Sicht meint zugleich das poetische Gemüt des Erwachsenen und dessen Bangen: Wie das Wunderbare die Welt im Innersten zusammenhält, wie unsere Ängste und Sehnsüchte in ein sinnstiftendes Ganzes passen könnten.

Haushofers Märchen-Trilogie ist zum einen dem Duktus der Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen verpflichtet, zum anderen reizt die Schriftstellerin die Möglichkeiten des Märchens auf eine Weise aus, dass es sich quasi selbst entlarvt - sich und mit ihm den Menschen. Es wird kein Schatz gehoben, kein Rätsel gelöst, keiner Moral zu ihrem Recht verholfen, vielmehr nehmen die Dinge ihren natürlichen Lauf. Kein Preis, der zu bezahlen wäre, kein Handel. Das Wunderbare wird zum Geschenk, das immer nur den Geber ehrt, den Empfänger indes aber zu entwerten droht.

Da muss die Vorstellung in der äußersten Not etwas bieten, damit unsereiner noch heil aus der Geschichte kommt. Wie aber lautet das Zauberwort? Im Roman "Die Mansarde" hält die Ich-Erzählerin fest: "Ich träume viel, und in meinen Träumen gibt es noch eine Gewißheit, daß alles gut ausgehen wird, ein bißchen Hoffnung, die ich im Wachsein nicht mehr kenne." Marlen Haushofers letzter Tagebucheintrag lautet indes so: "Mach Dir keine Sorgen - alles wird vergebens gewesen sein - wie bei allen Menschen vor Dir. / Eine völlig normale Geschichte."