Auf den Bestsellerlisten schon seit Jahren ganz oben, entdeckt nun auch das Feuilleton die 1968 in Wien geborene Autorin Ursula Poznanski. Sie machte sich vor allem als Kinder- und Jugendbuchautorin einen Namen, feiert aber auch mit Thrillern für Erwachsene Erfolge.

Soeben erschien der zweite Band ihrer Vanitas-Trilogie unter dem Titel "Grau wie Asche" (Knaur Verlag), in dessen Verlauf der Wiener Zentralfriedhof zum mörderischen Schauplatz wird. Die untergetauchte Polizei-Ermittlerin Carolin Bauer, die sich als Blumenverkäuferin tarnt, erzählt dabei atemlos von Verrat und Verfolgung, von Grusel und Grabschändung. (Siehe Kurzbesprechung.)

Poznanskis aktuelles Buch.
Poznanskis aktuelles Buch.

Qualität und Unterhaltung verbindet Ursula Poznanski, indem sie brisante, aktuelle Themen spannend und vielschichtig aufbereitet - Klimakatastrophen und sonstige prekäre Zukunftsszenarien, gefährliche Computerspiele, ungewollte Einflussnahme von künstlicher Intelligenz, Bits und Bots, soziale Ungleichheit und Missbrauch. Zahlreiche Preise auf dem Kinder- und Jugendbuchsektor sowie den Österreichischen Krimipreis erhielt sie bisher für ihre Arbeit. Die größte Auszeichnung aber ist der Publikumszuspruch: Zwei Millionen Bücher verkaufte die Autorin seit ihrem Erstling, dem Jugendbuch "Erebos" im Jahr 2010, das ursprünglich kein Verlag haben wollte, bis der deutsche Kinder- und Jugendbuchverlag Loewe die Chance ergriff. Seither wurden fast 20Poznanski-Werke in insgesamt 38 Sprachen übersetzt.

Die Welt in Poznanskis Büchern ist oft apokalyptisch düster, ihre keineswegs strahlenden Heldinnen und Helden zeigen viele Grautöne zwischen Gut und Böse, dazwischen blitzt in den Erzählungen aber auch schwarzer Humor auf, der zeigt, wie sehr es der Autorin Vergnügen bereitet, die Nerven ihrer Leserschaft zu kitzeln. Ihre ungeheure Produktivität rührt wohl auch aus dieser Schreib- und Fabulierlust. Rund 1000 Wörter schreibt Poznanski täglich, zwei Titel veröffentlicht sie jährlich, im Herbst einen Roman für Jugendliche, im Frühjahr einen für Erwachsene. Viele ihrer Bücher legt sie schon von vornherein als Fortsetzungsromane oder Trilogien an.

Das exzessive Schreiben begann mit exzessivem Lesen, das, wie sie sagt, fast einer Realitätsflucht gleichkam, damals, als sie noch in Perchtoldsdorf zur Schule ging, nachdem sie ihre ersten vier Lebensjahre in Wien-Liesing verbracht hatte. Nach dem Abschluss des Gymnasiums belegte sie verschiedene Studienfächer, von denen keines sie zu begeistern vermochte, also arbeitete sie als Redakteurin in einem medizinischen Fachverlag.

Nach der Geburt ihres Sohnes begann sie Kinder- und Jugendbücher zu schreiben. 2003 brachte sie ihr erstes Kinderbuch, "Buchstabendschungel", im österreichischen Dachs Verlag heraus, 2010 schaffte sie mit "Erebos" ihren internationalen Durchbruch. 850.000 Mal wurde das Buch seit seinem Erscheinen verkauft. "Erebos" ist ein zweiteiliger Thriller für Jugendliche und Erwachsene, der vor Augen führt, wie ein Computerspiel die Menschen erpresst, manipuliert und ihr Leben massiv verändert.

Massiv verändert hat sich auch Ursula Poznanskis Leben durch dieses Buch, denn seither kann sie als freischaffende Autorin leben und Bücher schreiben, die auch ihr selbst als Leserin gefallen würden, wie sie in einem Gespräch verrät.

"Wiener Zeitung": Ursula Poznanski, Ihre Geschichten handeln oft von der nahen Zukunft, die uns Menschen vor großeHerausforderungen und ungeahnte Entscheidungen stellt. Sehen Sie die Entwicklungen tatsächlich so pessimistisch oder ist eine düstere Zukunftsvision ein ideales Setting für einen spannenden Roman?

Ursula Poznanski: Mit Zukunftsprognosen bin ich vorsichtig, und eigentlich bin ich ein ziemlich optimistischer Mensch. Die Szenarien in meinen Büchern spielen mit Ideen, mit Möglichkeiten - der Anstoß dazu ist aber oft ein aktueller. Und es stimmt natürlich, ein bedrohliches Setting hat mehr Potenzial für eine spannende Geschichte als eine Welt, in der alle Probleme gelöst sind.

Lassen Sie sich beim Schreiben von Ihrer eigenen Erzählung mitreißen oder schreiben Sie kalkuliert und beobachten die Handlung aus literarischer Distanz?

Wann immer möglich, lasse ich mich mitreißen. Schreiben ist dann am schönsten, wenn es gewissermaßen wie von selbst fließt. Aus literarischer Distanz wird überarbeitet.

Was ist Ihr wichtigstes Rezept, um die Spannung einer Handlung über mehrere hundert Seiten zu halten?

Verbindet Qualität und Unterhaltung: Ursula Poznanski, hier in einer Friedhofsgärtnerei. - © Mimi Pötz
Verbindet Qualität und Unterhaltung: Ursula Poznanski, hier in einer Friedhofsgärtnerei. - © Mimi Pötz

Ich glaube, die Nähe zu den Perspektivfiguren ist eines der Mittel, die für mich am besten funktionieren. Ich will den Lesern möglichst das Gefühl geben, dass sie die Geschichte gemeinsam mit den handelnden Personen erleben. Wichtig ist natürlich auch eine geschickt aufgebaute Handlung, die man nicht auf den ersten Blick durchschaut. Oder auf den zweiten . . .

Gehen Sie beim Schreiben Kompromisse ein, um der Spannung den Vorzug zu geben?

Nicht, wenn diese Kompromisse auf Kosten der Logik gehen.

Das Schreiben von Thrillern braucht viel Hintergrundwissen. Wie recherchieren Sie zum Beispiel den Verwesungsprozess einer Leiche?

Bei dem genannten Beispiel ist es einfach, dazu gibt es eine Menge Fachliteratur, die bei mir im Büro steht. Schwieriger sind die alltäglichen Dinge, die keiner aufschreibt und die man daher nirgendwo nachlesen kann. Ob zum Beispiel Baustellen nachts bewacht sind. Oder wie es mit Freizeit an Wochenenden aussieht, wenn ein Polizeiteam gerade intensiv in einem Mordfall ermittelt. Für solche Fragen versuche ich, Leute aus der Praxis zu finden, die mir dabei weiterhelfen.

Welche Art von Literatur langweilt Sie?

Selbstverliebtes Geschwurbel, das sich für intellektuell hält. Bücher, die sich von einem Klischee zum nächsten schwingen. Geschichten mit einem Frauenbild, das noch aus den Fünfzigern stammen könnte.

Sie schreiben Romane und Thriller für Jugendliche und Erwachsene. Welche Trennlinien ziehen Sie beim Schreiben, wenn Sie sich an die eine oder andere Zielgruppe wenden?

Die Trennlinien sind nicht sehr scharf. Ich versuche, im Jugendbuch genauso komplexe Geschichten zu erzählen, wie ich das für Erwachsene tue. Der Stil unterscheidet sich insofern, als ich im Jugendbuch eigentlich immer aus jugendlicher Perspektive schreibe und damit gewisse Formulierungen fast wie von selbst wegfallen. Ich versuche auch immer, die Jugendbücher mit einem optimistischen Ende zu versehen, das mache ich bei Romanen für Erwachsene nicht zwangsläufig.

Ihre Ich-Erzählerin Carolin Bauer aus der "Vanitas"-Trilogie hat trotz ständiger Lebensgefahr Sinn für Humor. Eine wichtige Zutat für den Erfolg und auch ein gutes Mittel, um den Krimi als nicht allzu ernstes Spiel erkennen zu lassen?

Beides, vor allem aber auch ein Wesenszug der Figur. Ohne Galgenhumor käme Carolin deutlich schlechter mit ihrer Lage zurecht. Davon abgesehen fände ich es vermutlich auch schwierig, über völlig humorbefreite Figuren zu schreiben.

Ihr großer Erfolg hat auch viel mit dem Genre Thriller zu tun. Glauben Sie, dass Sie als österreichische Autorin auch außerhalb dieses Genres Bestseller schreiben könnten?

Das käme auf einen Versuch an. Vorstellen kann ich mir Ausflüge in andere Genres durchaus, aber im Grunde fühle ich mich im Spannungsroman sehr wohl.