Niemand hat so schön einen an die Stirn wippenden Finger gezeichnet. Da musste Obelix nicht einmal das berühmte "Die spinnen, die Römer" in den Mund nehmen, denn die dynamischen Stricherl und das lautmalerische "Tock Tock" sagten eh schon alles. Albert Uderzo brachte diese unverwechselbare Geste auf Papier – wie so vieles andere aus den Asterix-Comics. Unvergessen die leergeboxten Sandalen, die als einziges Schwerkraft bewahren, wenn Obelix einen Schwinger im Römertrupp austeilt. Der brodelnde Ärger, der sich als dezente Kräusellinien über Asterix‘ Kopf ankündigt, die Augenbrauen, die wie die Helmflügel in Lauerstellung gehen, bis sich endlich in kleinen Wölkchen die Wut entlädt – begleitet von den quasi in den "Sprachgebrauch" übergegangenen Sprechblasen mit Totenkopf und Co. Und natürlich: Die Nase von Kleopatra.

Eine Viertelstunde für ein ganzes Universum

All das verdankt die Comicwelt Albert Uderzo. Gemeinsam mit Texter René Goscinny erfand er 1959 das aufmüpfige Gallierdorf mit seinen Actionhelden Asterix und Obelix. Der kleine Gallier mit dem geflügelten Helm sollte der Held der erfolgreichsten französischen Comicreihe werden. Sie ist eine der wenigen, die auch im Schulunterricht eingesetzt werden – so mancher hat einen lateinischen "Asterix" im Regal. Bis dato gibt es 38 Alben, wobei die letzten drei bereits von Didier Conrad (Zeichnung) und Jean-Yves Ferri (Text) übernommen wurden. Es gibt zehn Animationsfilme und vier Realfilme (mit Gerard Depardieu als Obelix). Das ganze ausgehend von nur 15 Minuten kreativem Funkenflug, unter Mithilfe von ein paar Stamperl Pastis: "In einer Viertelstunde hatten wir alle Charaktere erfunden", erzählte Uderzo einmal. Sowohl in Bild und Text gelang es ihnen, wunderbar individuelle Figuren zu kreieren, vom planlosen Häuptling über den weisen Druiden zum treuen Idefix. Zu dem Hündchen gibt es übrigens Theorien, dass es eigentlich gar nicht existiert und nur eine "Idee fixe" seines Besitzers Obelix ist. Allein diese Metaebene macht "Asterix" so vielschichtig.

Asterix und Obelix verbeugen sich in Ehrerbietung. Ursprünglich von Uderzo als Reaktion auf den Anschlag gegen "Charlie Hebdo"  gezeichnet, verbreitet sich das Bild nun als Würdigung für den verstorbenen Zeichner selbst im Internet. - © Albert Uderzo/Asterix Officiel/Twitter
Asterix und Obelix verbeugen sich in Ehrerbietung. Ursprünglich von Uderzo als Reaktion auf den Anschlag gegen "Charlie Hebdo"  gezeichnet, verbreitet sich das Bild nun als Würdigung für den verstorbenen Zeichner selbst im Internet. - © Albert Uderzo/Asterix Officiel/Twitter

Zwölf Finger und farbenblind

Geboren wurde Albert Uderzo am 25. April 1927 als Sohn italienischer Einwanderer in der Nähe von Reims – übrigens mit sechs Fingern an jeder Hand. Die wurden später wegoperiert. Geblieben ist ihm sein Lebtag jedoch die Farbenblindheit – die störte aber nicht weiter. Vor dem durchschlagenden Erfolg mit den schlagkräftigen Galliern schuf er Comics über den Indianer "Umpah-Pah", den Reporter "Luc Junior" und den Piraten "Pitt Pistol". Das knuffige Aussehen von Asterix, Obelix und Co. war nicht von Anfang an so deutlich, Uderzo ließ sich da von den freundlichen Rundungen der Disney-Figuren wie der damals auch noch deutlich renitenteren Micky Maus inspirieren.

1977 starb Goscinny überraschend – mitten in den Arbeiten zu "Asterix bei den Belgiern". Uderzo weigerte sich erst, den Band allein fertigzustellen, wurde vom Verlag aber per Gerichtsbeschluss gezwungen. Seine Antwort zeigte auch sein tiefes Gespür für Details, die die "Asterix"-Comics so besonders machen. Die letzten Seiten – die Uderzo alleine bestreiten musste – zeigen ungewöhnlich grauen Himmel. Und auf der letzten Seite, beim traditionellen Schlussbankett mit gefesseltem Troubadix, geht ein trauriger kleiner Hase aus dem Bild. Goscinny nannte seine Frau liebevoll "Lapin", also Hase.

Streitlustig wie Asterix

Uderzo entschied sich freilich dann, die Serie allein weiter zu führen. Mit den Jahren wurden die Fans aber immer unzufriedener, der Witz von Goscinny war einfach nicht zu rekonstruieren. 2013 schließlich erschien der erste Band der beiden neuen Betreuer der gallischen Widerständler. Das nahm Uderzo friedlich hin – fast eine Überraschung, galt der Zeichner doch als ähnlich streitlustig wie seine Zaubertrank-gedopten Schöpfungen. Dabei ging es sehr oft um Geld, aber vor allem um die Kontrolle über das ausufernde "Asterix"-Universum. Er zerstritt sich mit dem Verlag Dargaud und führte jahrelange Prozesse um die Rechte der ersten 25 Bände. Er zerkrachte sich mit seinem Bruder und seiner Tochter – zumindest letzterer Unfrieden konnte noch beizeiten ausgeräumt werden. Außerdem war er sehr empfindlich gegenüber praktisch allem, das auf -ix endet. Nicht nur eine Webseite namens "Mobilix" geriet so ins Blickfeld seiner Anwälte. Er verstand auch wenig Spaß, was Parodien von Asterix und Co. anging, der deutsche Comic-Künstler Ralf Koenig verspürte da seinen Zorn.

Inspirierte sogar die Wissenschaft

Schade, hatte man doch gerade in den "Asterix"-Bänden ein lustvolles Parodieren und Karikieren von historischen und aktuellen Persönlichkeiten – von Julius Caesar bis zu Arnold Schwarzenegger – als besonderen Wert geschätzt. Da ist es doch kein Wunder, wenn sich andere inspiriert fühlen. So wie "Asterix" die Kreativität auf so vielen Ebenen geschürt hat. Es gab sogar eine wissenschaftliche Studie namens "Acta Neurochirurgica", die Fälle von Schädelhirntraumata durch Brachialgewalt in den Asterix-Alben analysiert. Insgesamt wurden in 34 Asterix-Bänden in einem Zeitraum von über 50 Jahren beachtliche 704 Fälle gezählt, wobei allerdings bei keinem Römer bleibende Schäden zurückblieben.

Das Alter von Methusalix hat Albert Uderzo knapp nicht erreicht. Am Montag ist er 92-jährig an einem Herzinfarkt gestorben. 2015, nach dem Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo", zeichnete Uderzo eine schnelle Skizze von Asterix und Obelix, die sich in Ehrerbietung verneigen. Das ist auch jetzt eine mehr als passende Würdigung. Und vielleicht noch ein hübsch gravierter Hinkelstein dazu.