Dass der Klimawandel unser Leben und das aller Lebewesen auf der Erde mittlerweile massiv beeinflusst, ja sogar bedroht, hat sich in weiten Kreisen herumgesprochen – auch wenn es weiterhin hochrangige Leugner gibt, wie der Evolutionsbiologe und Professor für die Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg, Matthias Glaubrecht, in seinem Buch "Das Ende der Evolution" betont. Doch der Klimawandel steht seiner Ansicht nach als Bedrohungsfaktor fürs Überleben hinter einer anderen Katastrophe zurück: dem Artensterben und dem damit einhergehenden Verlust der Biodiversität. Und daran ist einzig der Mensch schuld. Warum? Dieser Frage, den Auswirkungen menschlichen Handelns und der scheinbaren Unfähigkeit – oder dem Unwillen -, etwas gegen die Zerstörung der Erde zu tun, geht Glaubrecht auf rund 1000 Seiten nach.

Er erforscht dazu unter anderem die "Naturen" des Menschen: Zuerst seine biologische Ausstattung, also die genetische Struktur, die ihn als Ausbeuter festlegt, "dessen evolutionäres Erbe es ist weiterzuziehen, sobald die Ressourcen erschöpft sind". Dann seine kulturelle Natur, mit deren kognitiven Kapazitäten er Lösungen dafür zu finden versucht, dass er trotz seiner diversen biologischen Mängel in jedweder terrestrischen Umgebung bestehen kann. Dieser Erfindergeist hat aber markante Schattenseiten, denn sein Erfolg in Sachen Überleben hat die Menschen rücksichtslos und gierig gemacht. Zum Glück gibt es laut Glaubrecht aber noch die Vernunftnatur, der der Homo sapiens unter anderem Moral, Ethik und Religiosität verdankt - dank ihr könnte es den Menschen gelingen zu überleben. Doch der Wissenschaftler hat massive Zweifel daran. Die breitet er detailliert und belegt durch Zahlen, Fakten und Studien vor dem Leser aus, führt ihn dabei von den Anfängen der Menschheit, ihrer Sesshaftwerdung (dem ersten großen fatalen Wendepunkt in Sachen Verschlechterung) und der Eroberung der Kontinente hin zu den Ursachen für den heutigen Zustand des Planeten, als deren gravierendste er die Überbevölkerung sieht. Zu viele Menschen brauchen zu viel Lebensraum – für Wohnraum, Landwirtschaft und Industrie, Lebensraum, den sie anderen Lebewesen wegnehmen. Wozu das führt? Eben zum bereits angesprochenen Artensterben, zur Verarmung der Natur, zum Verlust von Biodiversität – und im schlimmsten Fall zum Ende der Menschheit.
Er prangert den Kapitalismus und den Glauben an ständiges Wachstum an, fragt sich, wieso uns das All mehr interessiert als der Boden, auf dem wir stehen und ohne den wir nicht existieren können, wieso Menschen im 21. Jahrhundert immer noch an die Heilkraft von Tigerknochen, Totoaba-Schwimmblasen oder Nashornhörnern glauben, warum wir die Meere leerfischen und uns das massenhafte Sterben von Amphibien und Insekten so gar nicht interessiert. Denn alles ist mit allem vernetzt und sobald ein Teil fehlt, hat das Auswirkungen auf alles andere.

Am Ende seines Buches entwickelt Glaubrecht zwei Szenarien für das Jahr 2062: In einem haben wir versagt, das Leben auf der Erde nahezu vollständig vernichtet und die Menschen sind nur mehr ein Schatten ihres früheren Selbst. Im anderen haben wir rechtzeitig die Notbremse gezogen, das Schlimmste verhindert und einen Planeten erhalten, der im uns bekannten Universum einzigartig ist. Doch im Rückblick auf all das, was er auf den Seiten davor brutal, plakativ und auch mitunter polemisch dargelegt hat, fehlt einem ein wenig der Glaube, dass Glaubrecht (!) selbst von seinem Rettungsszenario überzeugt ist.
Dieses Buch jetzt zu lesen ist gerade in Zeiten der Coronakrise und deren Auswirkungen besonders beklemmend und trotz aller Beteuerungen des Wissenschaftlers, dass es ihm nicht darum gehe, "in alarmistischer Weise Panik zu verbreiten", schnürt sich einem doch immer wieder der Hals zu. Doch vielleicht ist es gerade jetzt auch ein Anstoß nachzudenken, ob das zweite Szenario nicht doch möglich ist…